Interviews
06.06.2018 Julia Nemesheimer Simon Engelbert
Wolfgang Niedecken

"Die Chance wahrnehmen"

​Ende Mai war Wolfgang Niedecken in Trier in der Arena zu Gast. Das Kölsche Urgestein begeisterte seine Fans mit einem gewohnt langen und intensiven Konzert. Außerdem hat er uns einige Fragen zum neuen Album, dem Echo und seinen musikalischen Kooperationen beantwortet, dazu gibt es einige Impressionen der Show. ​

 
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hunderttausend.de: Ihre jüngste Veröffentlichung, „Das Familienalbum“, wurde in New Orleans aufgenommen. Wollen Sie uns kurz erzählen, wie es dazu kam und wie die Aufnahmen für Sie persönlich waren?
 
Wolfgang Niedecken: Das hängt mit meinem vorherigen Soloalbum zusammen, mit „Zosamme Alt“. Das hab ich mit amerikanischen Musikern in Woodstock aufgenommen und es hat so viel Spaß gemacht, dass wir schon ein wenig traurig waren, als die gemeinsame Zeit wieder vorbei war. Als wir da aufgenommen haben war gerade Winter, alles war verschneit, ein bisschen romantisch und wir haben in einer alten Kirche aufgenommen. Wir haben uns auch in Woodstock schon über New Orleans unterhalten und um den Trennungsschmerz dann ein wenig zu lindern, hab ich gesagt, dass wir irgendwann Family Affairs, so der Arbeitstitel, eben dort aufnehmen. Ich hatte also schon damals, das war 2012, die Idee zu dem jetzigen Album. Wir haben es also tatsächlich gemacht und 2017 in die Realität umgesetzt. Gerade diese Solo-Alben sind ja auch wirklich Herzensprojekte von mir. Es ist ja nie so, als würde ich jetzt denken, ich mach mich bei meiner Band vom Acker und versuch das jetzt alleine. Vielmehr habe ich Solo andere Möglichkeiten etwas auszuprobieren. Es ist auch befruchtend für das, was ich mit BAP mache.
Vor genau einem Jahr haben wir also „Das Familienalbum“ aufgezeichnet und ich kann mir durchaus vorstellen, nochmal mit den Leuten in Amerika aufzunehmen. Aber das kann auch noch ein paar Jahre dauern. Irgendwann ist die Zeit dafür reif. Jetzt kommt erst einmal die Tour und dann kommt als nächstes erstmal ein neues BAP-Album vermutlich.
 
Auf dem neuen Album kommen ja auch viele Bläser zum Einsatz. Wie wird das denn Live umgesetzt?
 
Wir haben dieses Mal tatsächlich Bläser mit dabei. Wir haben uns also den Luxus erlaubt weitere Musiker zu engagieren. Und die sind uns mehr oder weniger zugelaufen. Das sind die Bläser, mit denen ich auch in Südafrika bei Sing meinen Song zusammengearbeitet habe. Die habe ich in der vergangenen Zeit immer mal wieder getroffen und irgendwann hab ich eben gefragt, ob sie mal Lust haben, was mit uns zu machen und zusammen auf Tour zu gehen. Die haben sich sehr gefreut, dass ich fragte. Die ganze Band freut sich, jetzt mal wieder was Neues zu machen. Und genau so arbeite ich am Liebsten. Wenn sich Sachen aus der Notwendigkeit ergeben. Dass man nicht vorher überlegt, wie man das jetzt anders machen könnte, sondern es muss gerade nötig sein. Dann muss man diese Chance wahrnehmen. Wenn man Entscheidungsfreudig ist, dann geht so was auch.
 
Außerdem gibt es ja seit kurzem auch das Logbuch der Jubiläumstour von BAP. War das denn von vorneherein für die Öffentlichkeit gedacht oder hat sich das erst im Laufe der Zeit dazu entwickelt?
 
Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder diese Logbücher abgetippt und ins Internet gestellt. Dadurch hatten die Fans eine Art Innensicht, wie ist das mit BAP auf Tour zu sein, was war für uns an diesem oder jenem Tag wichtig. Bei der vorherigen Tour hab ich zum ersten Mal meine Eintragungen fotografiert und als Faksimile ins Netz gestellt. Das war aber teilweise für die Nutzer echt schwierig, gerade wenn man sich das über das Handy ansehen wollte, war es nur schlecht lesbar. Im Laufe der Tour kam dann die Idee auf, dass man daraus ja auch einfach ein Buch machen könnte. Dafür haben wir dann auch die einzelnen Einträge extra abgetippt, damit man es einfacher lesen kann. Und da meine Frau mit auf Tour war, haben wir für jeden Eintrag entsprechende Bilder. Ich denke also, dass es ein ganz interessantes und vor allen Dingen authentisches Buch geworden ist.
 
Aber mir ist auch aufgefallen, dass Sie ja wirklich vielseitig unterwegs sind. Nicht nur Solo und mit Band musikalisch, auch als Autor und kürzlich zudem als Moderator. Bei Mann.tv haben Sie im Februar diese Aufgabe übernommen. Wie kam es denn dazu?
 
(lacht herzlich) Ja, das war eine lustige Sache. Also wie das dazu kam...normal gibt es ja Frau.tv und ab und zu wird das Format Mann.tv in unregelmäßigen Abständen eingeschoben. Da sind auch wirklich lustige Leute in der Produktion. Wenn es dann wieder so weit ist und eine neue Folge gedreht werden soll, fragen die bei Musikern, Autoren, Schauspielern und so weiter rund, wer da Lust drauf hätte und so kamen sie auch zu mir. Allerdings gibt es auch Spielregeln und eine davon ist, dass man sich bei der Bewerbung ein bisschen zum Affen machen muss. Solche Sachen find ich immer besonders toll, wenn alles unter dem Oberbegriff Humor stattfinden kann und es keine verbissene Geschichte ist. Dann kann man sich gemeinsam was ausdenken, wie man sich für eine einmalige Moderationsrolle bewirbt. Wir hatten entsprechend die Idee, dass ich mich als Minnesänger bewerbe und in so einem Minnesängeranzug vor der Severinstorburg stehe und mich mit einem Lied bei der Frau.tv-Redaktion für die Mann.tv-Stelle bewerbe (lacht). Dafür hab ich dann drei Stophen von unserem alten Lied „rot-weiß-blau-quergestreifte Frau“ umgedichtet und wir hatten wirklich viel Spaß. Als wir das aufgenommen hatten, dachten auch viele Leute „Was macht denn der Niedecken da nach Karneval vorm Severinstor als Minnesänger“. Das Ganze kann man auch noch nachgucken. Es war auf jeden Fall eine feine Sache mit viel Humor. (lacht)
 
Dabei ist es ja nicht immer so, dass Sie nur Spaß haben wie bei solchen Aktionen. Kürzlich gab es ja in der deutschen Musik-Landschaft auch eher das Gegenteil zu sehen. Beim Echo, der ja inzwischen in dieser Form abgeschafft wurde, waren Sie auch zugegen, haben den Preis auch schon selbst erhalten und haben sich bei diversen Gelegenheiten und Plattformen in den letzten Wochen dazu positioniert. Vielleicht können Sie hier trotzdem nochmal kurz zusammenfassen, wie Sie diesen Eklat erlebten?
 
Ach, wo fang ich da an. Ich bin ja da reingeraten wie die Jungfrau zum Kinde. Ein paar Tage vor dem Termin wurde ich gebeten, für Paul Cartney einzuspringen, um Klaus Voormanns Laudatio zu halten, der in diesem Jahr den Lebenswerk-Echo bekam. Ich hab mich nicht damit befasst, was sonst noch passieren wird bei dieser Veranstaltung. Dummerweise war ich auch nicht bei der Generalprobe anwesend, sonst hätte mir Campino, der ja ein sehr guter Freund von mir ist, erzählt was da passieren wird und ich hätte es ja auch selbst mitbekommen. Aber so hab ich erst im Laufe der Veranstaltung mitbekommen, was da los ist. Es war für mich eine Katastrophe, ich hätte natürlich was dazu sagen sollen. Aber ich kannte keinen einzigen Fakt oder Textzeile und ich kann ja nicht einfach unqualifiziertes Zeug oder einen Gemeinplatz ablassen, das ist nicht meine Art. Also alles sehr sehr dumm gelaufen und ich hab mich auch wirklich geärgert. Auch für Klaus Voormann, denn der hätte es wirklich verdient gehabt, dass man sein Lebenswerk auch entsprechend würdigt. Stattdessen war das Publikum nach dem Auftritt von diesen beiden Typen ja schockgefroren. Es ist zum ersten Mal passiert, dass es keine Standing Ovations für den Lebenswerk-Preisträger gibt.
Aber so ist das halt, Wenn man Skandale provozieren will damit die Einschaltquote stimmt, dann muss man auch sehr aufpassen, dass es nicht in das Gegenteil umkippt. In dem Moment, wo es dann ins Antisemitische übergeht, da läuft man in Deutschland aus gewichtigen Gründen vor die Pumpe. Also, ich weiß auch gar nicht, wie man das nicht wissen kann. Die wussten doch, was die beiden da abliefern.
 
Und was halten Sie jetzt von dem Fakt, dass der Preis als Konsequenz abgeschafft wurde?
 
Ich wurde dazu schon von der dpa befragt und ich meinte, dass es eine nachvollziehbare Entscheidung wäre, aber dass ich hoffe, dass man nicht demnächst ankommt und den alten Wein in neuen Schläuchen serviert. Da muss man halt aufpassen. Es wäre wünschenswert, wenn diese Preise durch eine Jury-Entscheidung vergeben würden. Das geht ja bei so vielen anderen Preisen, bei den Grammy, den Emmys, den Oscars – warum sollte das hier nicht auch funktionieren? Natürlich sind die alle scharf drauf, diejenigen zusammen zu bekommen, die ordentlich Verkaufszahlen vorweisen können, weil man damit auch entsprechende Einschaltquoten bekommt. Aber das ist halt immer so. Entweder man entscheidet sich für Qualität oder für Masse. Ich persönlich hab mich immer für Qualität entschieden. Und für mich war bei den letzten Echo-Veranstaltungen auch nicht wirklich viel dabei.
 
Lassen Sie uns nochmal kurz über Ihre Musik sprechen. Sie arbeiten sehr viel mit anderen Künstlern zusammen, ist das für Sie eine Art Förderung oder auch gegenseitige künstlerische Bereicherung?
 
Ich freu mich immer, wenn ich gute Kollegen treffe mit denen ich gut was anfangen kann. Dabei ist mir dann auch egal, ob die so alt sind wie ich, deutlich älter oder jünger sind. Wenn man als Musiker zusammenarbeitet, dann spielt das Alter überhaupt keine Rolle mehr. Ich freu mich aber immer, wenn ich jüngere Künstler vielleicht auch mit auf den Weg gebracht hab. Besonders schön ist es, wenn ich merke, dass ich mit Menschen zusammenarbeiten kann, die jetzt nicht ausschließlich auf Radiotauglichkeit und Mainstream setzen, davon gibt es ja zum Glück noch einige in Deutschland. Diese Radiotauglichkeit ist für mich ja so ein Phänomen, an dem ich wirklich zu knabbern habe. Aber es gibt die Leute, die das machen was ihnen gerade durch den Kopf geht und die nicht vorab erstmal Marktforschung betreiben. Mit solchen Menschen arbeite ich dann wirklich gern zusammen. Etwa bei der Präsentation unseres vorherigen BAP-Albums im Heimathafen, da hatten wir ja viele junge Künstler mit dabei, die sich auch in unserer Tradition bewegen.
 
Dann können wir ja auch gespannt sein, was da bei Ihnen an Kooperationen noch so ins Haus steht.
 
(lacht) Ja, da bin ich auch mal gespannt.
 
Um nochmal auf ganz kurz auf nicht-musikalische Themen zu kommen, wie sehr hat Sie als Fußball-Fan der Abstieg von Köln getroffen?
 
Ach, das ist gar nicht mehr so schlimm. Es tut mir zwar leid, aber wir wissen ja, dass wir irgendwann auch wieder aufsteigen, am besten direkt in der nächsten Saison. Der erste Abstieg vor 20 Jahren, der hat noch richtig weh getan, aber jetzt...also, das ist der sechste Abstieg und da wissen wir ja schon wie es geht, das wirft uns nicht mehr aus der Bahn.

Vielen Dank für Ihre Zeit!


Am ​11. Oktober 2018 hat man übrigens die Gelegenheit Niedeckens BAP in Saarbrücken zu sehen! Tickets gibt es ab 38,90 Euro. ​

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