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07.08.2016 Vincenzo Sarnelli Simon Engelbert
Pur im Losheimer Strandbad

PURes Glück

​Am gestrigen Samstag, den 06. August begeisterte die Band Pur 18.000 Zuschauer im picke packe vollen Losheimer Strandbad. Mit einer Mischung aus alten und neuen Stücken, brachte die Band bei allerbestem Wetter das gesamte Bad zum Beben und Mitsingen. hunderttausend.de hat den Erlebnisbericht.

 
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​Ich würde behaupten, dass es in Deutschland keinen Menschen gibt, der nicht mal irgendwann einen "Pur"-Moment hatte. Sei es der Geburtstag der guten Freundin "Lena", an dem das gleichnamige Stück der Band aus Bietigheim nicht fehlen darf. Oder dieser Abend auf der/dem Kirmes/Schützenfest/Weinfest, bei dem der "Pur-Party-Hitmix" vom stilsicheren DJ aufgelegt wird und plötzlich alle die Tanzfläche stürmen. Oder wenn irgendeiner auf einer Haus-Party natürlich "nur zum Spaß" "Abenteuerland" in die Spotify-Playlist gemischt hat und sich alle arm in arm, singend, gröhlend wieder finden. Zugegeben, nicht selten ist Alkohol im Spiel, wenn die Musik von Pur läuft. Und dennoch: Die Band ist ein Phänomen. Auch nach über 35 Jahren auf der Bühne scheint der Bann nicht gebrochen zu sein. 18.000 Zuschauer in einem vollen Losheimer Strandbad sind der Beweis dafür.

Pur hat insgesamt drei Vorbands mitgebracht. Mit Frau Wolf steht eine eher lokale Formation auf der Bühne, die auch schon ihr Können auf den Bühnen in Trier zeigen durfte. Mit eingängigem Gitarrenpop und nem gehörigen Schuss Singer-Songwriter, zeigte die Dame, dass man keinerlei "Angst vorm bösen Wolf" haben muss. Im Anschluss folgen Streokai, deren Electropop im Vergleich zur Vorband eher etwas sperrig daher kommt. Die Mischung aus eingängig und leicht electro-angehauchten Beats mag grundsätzlich interessant sein, ist aber an diesem sonnigen Nachmittag vielleicht etwas zu drüber. Mit "Reden ist silber, tanzen ist gold" haben die Musiker eine Platte in den Startlöchern, die Fans von etwas speziellerem Pop begeistern dürfte. Zu guter Letzt, vor dem Hauptact, hatte Pur eine Vorband ausgewählt, die sich schlicht "Die Füenf" nennt. Sie bezeichnen ihre a-capella-Performance als eine Art von Musikcomedy und schienen an diesem Abend den Humor und Geschmack der Leute zu treffen. Ob einfache Mitsingparts oder abgedroschene Stevie Wonder Parodie, die Gruppe arbeitet ihre Musik in einigen umgedichteten Medleys ab. So ersetzen Sie beispielsweise das Wort "Love" in bekannten englischen Liebesliedern durch "Horst". Das kann man gut und witztig finden. Muss man aber nicht. 

Als dann die Band Pur um Sänger Hartmut Engler kurz nach 20:00 Uhr die Bühne betritt gibt es für das Publikum kein halten mehr. Da werden Handys gezückt, vereinzelt Banner hochgehalten, die Liebste auf die Schulter gehoben und los geht die Wilde fahrt durch das deutsche Pop-Musik Abenteuerland. Die Musik, von Pur wird, ob der Tatsache wie bekannt sie ist, mindestens genau so zwiespältig gesehen. Die Einen verehren sie und ihre Schöpfer, allen voran Hartmut Engler, und die anderen verachten sie. Und in der Tat gibt es genug Gründe für beide Seiten. Da sind zum Einen die seichten Liebeschnulzen voller absurd, balladesken Klischees wie "Prinzessin" oder "Ich lieb dich", die nur so vor Haus/Maus Reimen und Metaphern strotzen, bei dem jeder Deutsch-Lehrer ein ausgewachsenes Burn-Out bekommt. Und dann gibt es Glanzlichter wie "Wenn sie diesen Tango hört", "Neue Brücken" oder "Brüder", die voller Substanz und Botschaft sind und in einfachen Worten sehr viel sagen. Nicht selten wünscht man sich, dass grade die, die sonst eher dem Pur-Party-Hitmix und Helene Fischer zugeneigt sind, bei diesen Songs mal ganz genau hinhören. 

Die Mischung machts. Und so ist es auch an diesem Abend. Die Produktion ist vergleichsweise schlicht gehalten. Die Musik und vor allem Engler stehen im Mittelpunkt. Das Mitsingerlebnis wird groß zelebriert. "Wenn sie diesen Tango" hört ist ein Gänsehautmoment, nicht nur für das Publikum, sondern auch für Engler selbst. Dieser Song in Kombination mit dem später erschienen "Anni" eine persöniche Remineszenz an die eigene 91-jährige Mutter und treibt dem Sänger die Tränen in die Augen. Ein wunderbarer Moment, völlig Objektiv betrachtet. Intimität mit 18.000 Zuschauern geteilt und weit weg von peinlich oder unangemessen. Und natürlich dürfen auch die Songs "Lena", "Abenteuerland" oder "Graues Haar" nicht fehlen. Evergreens für die ewige Ewigkeit. Nicht ganz so lange, aber doch gut lange stehen die Musiker übrigens auf die Bühne. Etwas mehr als drei Stunden sind es am Ende, was ein ordentliches Preis-Leistungs-Verhältnis ist, gemessen am Eintrittspreis. 

Stark auch die Ansagen von Engler zu den Songs "Neue Brücken" und "Achtung", wo er mehr Liebe und Menschlichkeit in der Gesellschaft einfordert und seine persönliche Geschichte erzählt, nämlich, dass seine Mutter auch als eine Art "Kriegsflüchtling", als Vertriebene, nach Deutschland gekommen ist und etwas aufgebaut hat, sodass er heute als Sänger vor 18.000 Zuschauern stehen kann. Nochmal: Man wünscht sich, dass viele Menschen bei diesen Worten gut die Ohren spitzen und es sich zu Herzen nehmen. Mindestens genauso zu Herzen, wie die diversen Knutschereien die es dann später zu den Songs "Prinzessin" und "Ich lieb dich" gibt. Der Abend geht ratzfatz vorrüber. Ein Abend zum mitsingen, schwelgen und auch ein bisschen zum gruseln. Vor sich selbst und vor der Tatsache, welchen Einfluss diese Art von Pop-Musik haben kann. Alles in allem war es ein Riesen-Fest beim großen Open Air in Losheim. Und spätestens als die Sonne langsam am Ende des Sees untergegangen war, ist auch mein Herz erobert gewesen. PURes Glück eben. 

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