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10.09.2020 hunderttausend.de Universität Trier
Verbundprojekt "Musterhaftigkeit" der Universität Trier

Wie wir über Corona sprechen

Das Verbundprojekt „Musterhaftigkeit“ der Universität Trier hat aus sprach- und literaturwissenschaftlicher Perspektive die aktuelle Pandemie analysiert.​ Jetzt wurden erste Ergebnisse zu Sprachgebrauch, Wortneuschöpfungen und Memes veröffentlicht.​

 
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Grafik: Welche Wortpaare wurden wann verwendet? Computerlinguisten der Universität Trier haben 1,2 Millionen englischsprachige Nachrichtentexte zu Corona aus dem Zeitraum von November 2019 bis Mai 2020 analysiert.​


Im Juli 2019 rief die Universität Trier das Verbundprojekt „Musterhaftigkeit. Sprachliche Kreativität und Variation in Synchronie und Diachronie“ ins Leben. Beteiligt sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Fächern Sprachwissenschaften, Medienwissenschaft, Psychologie und Sozialstatistik. Ziel des Projekts ist es, über Fächergrenzen hinweg sprachliche Muster zu erforschen sowie eine Theorie sprachlicher Musterhaftigkeit zu entwickeln.​ Bis 2023 wird es von der Forschungsinitiative Rheinland-Pfalz gefördert.

Im Rahmen des Projekts wurden in diesem Sommer auch eine Reihe verschiedener Untersuchungen zum Thema Sprache und Corona begonnen und teilweise bereits durchgeführt. Dabei sind überaus interessante Trends, Entwicklungen und sprachliche Eigenheiten zu Tage getreten: von Wortneuschöpfungen über die Semantik von Corona-Verschwörungsmythen bis hin zu den verschiedenen Arten von Memes, mit denen sich das Internet mit der Pandemie auseinandersetzt. 

Die Universität Trier hat nun einen ersten Überblick über die Studien und Ergebnisse veröffentlicht.


Vom „neuen Coronavirus“ zur „Coronavirus-Pandemie“

Bis Februar 2020 berichteten englischsprachige Medien über einen „pneumonia outbreak“ (Ausbruch einer Lungenentzündung). Seit März 2020 etablierte sich dann der Begriff „coronavirus pandemic“ (Coronavirus-Pandemie), der andere Bezeichnungen wie „new coronavirus“ (neues Coronavirus) abgelöst hat. Zu diesem Ergebnis kommen die Computerlinguisten Prof. Dr. Achim Rettinger und Kai Kugler bei einer ersten Auswertung von 1,2 Millionen englischsprachigen Nachrichtentexten aus dem Zeitraum von November 2019 bis Mai 2020. Als Nächstes wollen sie unter anderem analysieren, welche Unterschiede es bei der Bezeichnung der Coronavirus-Pandemie in unterschiedlichen englischsprachigen Ländern beziehungsweise Sprachräumen gab.

Kontakt

Prof. Dr. Achim Rettinger
Computerlinguistik
+49 651 201-2271
rettinger@uni-trier.de

Kai Kugler
Computerlinguistik
+49 651 201-2263
kuglerk@uni-trier.de  



 

Sprachliche Argumentation von Corona-Verschwörungstheorien

Dr. David Römer und Dr. Sören Stumpf haben exemplarisch untersucht, wie Ken Jebsen in einem YouTube-Video, das bereits innerhalb der ersten Woche mehr als drei Millionen Aufrufe hatte, über die „wahren Hintergründe“ der Corona-Krise spricht. Laut Ken Jebsen steckt hinter der Krise das US-amerikanische Milliardärsehepaar Bill und Melinda Gates, dem es um Profit geht. „In dem Video entwickelt er dabei auf sprachlich prototypische Weise etwas, das wir Verschwörungstheorie nennen“, sagen die Trierer Linguisten. Geradezu gebetsmühlenartig wiederholt er bestimmte Ausdrücke. Besonders häufig greift er auf Gelegenheitswortbildungen wie „Gesundheitsknast“ oder „Konzernpresse“ zurück und spricht in Metaphern wie das „trojanische Pferd Gesundheit“. Römer und Stumpf: „Aus unserer Sicht als Linguisten macht es keinen Sinn, die Sprache und Inhalte in sozialen und alternativen Medien als falsch oder illegitim darzustellen. Aber wir dürfen uns wirklich nicht erklären lassen, dass Videos wie dieses zu unserer demokratisch notwendigen Gegenöffentlichkeit gehören. An den sprachlichen und inhaltlichen Strukturen sehen wir, dass Techniken bewusst benutzt werden, um zu polarisieren.“

Kontakt

Dr. David Römer 
Germanistische Linguistik
+49 651 201-2332
roemerd@uni-trier.de

Dr. Sören Stumpf
Princeton University Program in Linguistics
sstumpf@princeton.edu

 


Memes zu Corona

Memes sind populäre digitale Bild-Text-Konstrukte, die in sozialen Netzwerken gerne geteilt werden. Ein Team der Medienwissenschaft der Universität Trier hat circa 1100 Memes gesammelt, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie entstanden sind. Diese Sammlung aus Memes werden Prof. Dr. Marion G. Müller, Dr. Christof Barth und Katharina Christ in den nächsten Monaten untersuchen. Unter anderem wollen sie herausfinden, w​elche Emotionen mit den Memes ausgedrückt werden. Erste Ergebnisse zeigen, dass es über 30 unterschiedliche Typen an Corona-Memes gibt.

Kontakt​

Prof. Dr. Marion G. Müller
Medienwissenschaft
+49 651 201-3678
muellermg@uni-trier.de

 

Rückschritt bei genderneutraler Sprache durch Corona

„Die Corona-Monate haben deutlich gezeigt, wie brüchig und fragil der im Hinblick auf die Gleichstellung und den geschlechterneutralen Sprachgebrauch erzielte Fortschritt ist“, sagt Prof. Dr. Natalia Filatkina. Die Germanistin hat folgende drei Muster herausgearbeitet, die bei der Medienberichterstattung verwendet werden: Es sei auffällig, dass im Zusammenhang mit Corona, wenn Frauen erwähnt werden, wieder vermehrt Begriffe wie Kinder und Küche auftauchen. Darüber hinaus wird nun wieder stärker nur das generischen Maskulin verwendet. Frauen werden häufig gar nicht genannt, zum Beispiel, wenn nur von Virologen gesprochen wird und nicht auch von Virologinnen.

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Prof. Dr. Natalia Filatkina
Ältere deutsche Philologie
+49 651 201-2294
filatkina@uni-trier.de

 

Wortneuschöpfungen in der Corona-Krise

Sowohl im Deutschen, Englischen, Französischen und Spanischen haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Trier im Zusammenhang mit Corona Wortneuschöpfungen beobachtet. Unter anderem durch die Auswertung von Tweets hat die Germanistin Milena Belosevic festgestellt, dass das neue Wort „coronoid“ verwendet wird, wenn von jemanden gesprochen wird, der Angst hat, an Corona zu erkranken.

Kontakt

Milena Belosevic
Germanistische Linguistik
+49 651 201-3612
belosevic@uni-trier.de

 

Anglistin Prof. Dr. Sabine Arndt-Lappe fand ebenfalls das Wort „coronoid“, wie beispielsweise auch zoomathon (eine Verschmelzung der Worte Zoom und Marathon), in englischsprachigen Tweets. „Wenn sich, wie durch Corona, die Welt stark verändert, werden neue Wörter aus bekanntem Material und nach bekannten Mustern geschaffen, um die veränderte Realität zu bezeichnen“, erklärt Prof. Dr. Sabine Arndt-Lappe.

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Prof. Dr. Sabine Arndt-Lappe
Anglistik
+49 651 201-2278
arndtlappe@uni-trier.de

 

Romanist Prof. Dr. Andre Klump beleuchtete pandemiebedingte Sprachfacetten am Beispiel zahlreicher Zeitungsartikel und Onlineportale aus Frankreich, Spanien und Hispanoamerika wie beispielsweise die Wortkreuzung zoompleaños (cumpleaños = Geburtstag) im Spanischen oder covidiots (l'idiot = Idiot) im Französischen.

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Prof. Dr. Andre Klump
Romanistik
+49 651 201-2228
klump@uni-trier.de

 

Wie Pandemien schon im Mittelalter sprachlich global waren

Das Wort „Corona“ verstehen Menschen auf der ganzen Welt. Schon im Mittelalter bekamen todbringende Seuchen mit dem Wort „Pest“ eine Bezeichnung, die über Grenzen hinweg das Gleiche ausdrückte. Im frühen Mittelalter wurden die lateinischen Bezeichnungen „morbus“, „pestis“ und „pestilentia“, unter anderem mit „sterbo“ ins Deutsche übersetzt. Später setzte sich, so hat Sprachhistorikerin Prof. Dr. Claudine Moulin herausgearbeitet, das Wort „Pest“ durch. Ebenso wie das Wort „Corona“ könne das Wort „Pest“ als Internationalismus eingestuft werden – als ein Wort, das global verwendet wird. Sowohl die Wörter „Pest“ als auch „Corona“ verbinde, dass es sich um recht kurze Wörter handelt.

Kontakt

Prof. Dr. Claudine Moulin
Ältere deutsche Philologie
+49 651 201-2305
moulin@uni-trier.de



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