Interviews
15.01.2019 Janine Köppel  
FJØRT

"Mit dem Kopf durch die Wand"

Nachdem das Konzert am 20. Januar bereits ausverkauft ist, erfreuen FJØRT ihre Fans am Tag darauf mit einem Zusatzkonzert in Saarbrücken. Was die drei Aachener Frank, David und Chris außer Lärm sonst noch zu bieten haben? hunderttausend.de hat nachgefragt.

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hunderttausend.de: Wer euch noch nicht kennt: was kann man von FJØRT grob zusammengefasst erwarten?

Chris: Seltsame Typen (lacht). Nee… das ist immer so schwierig mit einem Satz zu beantworten. Wir machen laute, brachiale Gitarrenmusik mit Melodien und mit sehr viel Gebrüll und deutschen Texten. Ich würde das Ganze als intensiv beschreiben, wenn man nach den Leuten geht, die nach der Show zu uns kommen. Wer auf nicht ganz so bequeme Musik steht, bei der ein bisschen gebrüllt wird, könnte das vielleicht zusagen.

Und abgesehen vom Musikalischen?

Chris: Wir sind drei sehr gute Freunde. Nach der Show können wir was am Glas, vorher hoffentlich an den Klampfen und wir haben immer sehr viel Spaß. Wir sind nicht so die “Rockstar-Typen“, die superviele crazy Stories zu erzählen haben. Aber wir behaupten, dass wir ganz angenehme Typen sind.

David: Wir sind das Letzte an Leuten, was in Aachen geblieben ist, die irgendwie Bock hatten Mukke zu machen. Und vor allen Dingen zusammen Mukke zu machen. Es war von Anfang an ein gewisser Spirit da und wir wussten direkt, was wir wollten. Wir wussten, was wir erzählen wollten und wir wussten irgendwie auch wie das ganze Ding klingen sollte. Wir waren zusammen im Proberaum, es fiel der erste Akkord, die erste Probe, der erster Song und es war direkt alles gesettet. Ich kenne es aus anderen Bands, dass man sich erst mal finden muss. Bei uns war das direkt eine Initialzündung und so ist das immer noch. Nach mittlerweile sechs Jahren!

Chris: Es war aber auch ein gewisser Prozess, weil wir vorher alle schon Musik gemacht haben. Wir hatten viele verschiedene Bands gehabt und dann gab es irgendwann die Idee, dass wir etwas sehr Brachiales machen wollten und wer hatte da Bock drauf? Wie sagt man so schön: wir waren der Rest.

Ihr habt auf Facebook geschrieben, wie wichtig die Unterstützung in der Musikszene ist. Ihr habt zum Beispiel The Tidal Sleep viel zu verdanken. Seht ihr euch jetzt in der Verantwortung kleineren Bands zu helfen zu müssen?

Chris: „Müssen“ würde ich gar nicht sagen. Man wächst als Band in dieser Szene auf, wo es sehr viel um Unterstützung geht und gar nicht darum, wer ist hier der Geilere ist. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir tatsächlich „kleineren“ Bands, Freunden von uns und Bands, die wir gut finden sagen können „Hey, kommt mal mit!“, weil mittlerweile ein paar mehr Leute zu unseren Konzerten kommen. Es ist nicht „müssen“, es ist eine sehr geile Sache, das machen zu können.

David: Wir hatten auf der letzten Tour eine Band namens Lygo dabei. Die Menschen, die zu unseren Konzerten kommen, sind sehr support-affin. Das heißt, die gucken sich auch den Support an. Wenn du zu einer Band eines bekannten deutschen Pop-Künstlers gehst, kommen die Leute vielleicht erst zum Haupt-Act und für den Rest bleiben sie draußen, unterhalten sich und rauchen eine Kippe. Bei uns ist das so, dass der Support spielt und das Ding ist voll. Und das ist total geil! Dann kann man so einer Band eine kleine Starthilfe mit auf den Weg geben. Das wurde uns zuteil und das wollen wir zurückgeben, solange wir es können.

Auf Tour verbringt man ja jede Menge Zeit miteinander. Habt ihr aus der ersten Tour etwas gelernt, was euer Miteinander angeht?

David: Ich glaube, wir sind total gut eingegroovt. Wir sind eine Band, bei der jeder auch kurz mal seinen Raum braucht und wir wissen schon ganz genau, wie der andere tickt. Wir haben auch eine sehr gut eingespielte Crew, die genau weiß, wie sie uns entlasten kann. Wenn dann jemand nochmal pennen gehen will, dann kann der nochmal pennen. Es ist ein sehr harmonisches Miteinander. Bei uns fliegen eigentlich nie die Fetzen, weil einfach jeder den anderen so gut kennt. Das ist wie bei einer langen Beziehung: dann weiß man ja auch, wann man besser etwas nicht sagen sollte.

Also ist eine Freundschaft eine gute Grundvoraussetzung für eine Band?

David: Wir schaffen uns dadurch ganz viele Probleme aus dem Weg - auch diese klassischen Ego-Dinger. Das war zum Beispiel bei mir so: als ich angefangen habe in Bands zu spielen, war ich ein kompletter Egomane. Alles musste so nach meiner Pfeife tanzen, wie ich das wollte. Dadurch, dass man in vielen Bands gespielt hat, hat man dann irgendwann gemerkt, dass das Kollektiv das wichtige ist und nicht du als einzelner Akteur. Als wir mit FJØRT angefangen haben, sind wir durch diese Grundschule und Hauptschule schon gegangen und wussten, wie man aufeinander achtet. Dann hat man einen sehr guten Start und das ist immer noch so.

Im Song Südwärts heißt es „rückwärts war nie vorgesehen“ und „ich kenn mich hier nicht aus und ganz wichtig: wo geht's denn hier wieder raus?“. Ich habe das spontan auf euren Erfolg als Band übertragen. Überrollt euch das manchmal oder liege ich komplett daneben?

Chris: Der Song hat schon etwas damit zu tun, dass du dir die Richtung manchmal nicht aussuchen kannst. Du musst gewisse Dinge einfach durchziehen, egal wie. Ein bisschen mit dem Kopf durch die Wand, weil es sonst nirgendwo mehr hingeht und rückwärts schon gar nicht.

David: Wir sind manchmal überrollt von diesem Glück, was uns zuteilwird. Dass wir das mit dieser Musik so machen dürfen. Davon sind wir überrollt. Aber Erfolg… für uns ist es ein Erfolg, wenn wir einen guten Song schreiben. Dann haben das Glück gehabt viele gute Ideen zu haben und dann ist es für uns ein persönlicher Erfolg. Das ist uns das Wichtigste.

Lebt ihr mittlerweile von der Musik oder was macht ihr sonst so?

David: Uns geht es gut. Das heißt, wenn wir unterwegs sind, kann man sein WG-Zimmer irgendwie bezahlen und auch einen Monat mit Weißbrot ums Eck kommen. Es ist ein bisschen kompliziert, wenn du dich bei unserer Größe dafür entscheidest von der Musik zu leben. Dann wirst du irgendwann Entscheidungen treffen, die vielleicht nicht zum Wohle der Band sind. Jetzt ist eine Tour für uns Katharsis: wir wollen abschalten, wir wollen spielen. Wir wollen und können uns darauf konzentrieren, weil wir nicht an die finanziellen Einkünfte der Tour gebunden sind. Wenn man davon lebt, wird man sagen „Lass uns zwei oder drei Mal im Jahr touren“ und dann wird es eine Art Normalität.

Wir jobben alle stundenreduziert, damit wir unsere Miete zahlen können und von dem Geld, was reinkommt, können wir unsere Crew vernünftig bezahlen. Wir können uns mal einen Verstärker kaufen und eine geile – das ist uns das Wichtigste – Produktion auf Tour fahren und geiles Licht mitnehmen. Unsere Videos sind für die Größe unserer Band ja auch völlig überdimensioniert. All das, was wir einnehmen und was uns die Leute auf einem Konzert schenken, ob am Merch-Stand oder an der Kasse, reinvestieren wir direkt um damit etwas Tolles zu machen. Aber man weiß ja nicht. Ob wir es letztendlich tun würden, ist immer noch so eine Frage… ich glaube eher nicht. Denn die Unabhängigkeit ist so viel wert.

Im Song Couleur geht es darum sich nicht mundtot machen zu lassen: Eckt ihr mit dieser Haltung manchmal an?

David: Wir haben zu gewissen Themen eine – in vielen Augen - relativ krasse Meinung, weil wir uns klar gegen Rassismus aussprechen. Wir sprechen uns klar für eine Meinungsfreiheit aus, aber eigentlich verstehen wir in solchen Zusammenhängen gar nicht, warum Leute sagen „Ihr sagt da aber schon krasse Sachen und ihr steht für etwas Krasses ein“. Wir stehen nur für das Minimum an Regeln des menschlichen Zusammenlebens ein. Es darf in einer Gesellschaft wie bei uns keinen Rassismus geben. Es darf es nicht geben, dass andere Leute darin unterdrückt werden ihre Meinung in irgendeiner Form zu sagen. Aber es passiert.

Wenn man die Stimme dagegen erhebt, ist es schon fast so, dass dann gesagt wird „Uiuiui, was sagt ihr denn da?“ und man schreckt jemanden ab. Das ist ja eigentlich die traurige Entwicklung. Wir haben keinen Bock die Hand vor den Mund zu nehmen und das darf Kunst auch nicht. Das soll sie nie. Es ist so wichtig sich zu gewissen Themen klar zu positionieren. Da haben wir als Künstler den absoluten Auftrag und wir versuchen in unseren Texten zu motivieren, dass die Leute, die es hören sagen „Ja, ich muss auch meine Stimme erheben! Ich muss da auch etwas tun!“ Dann haben wir unsere Pflicht getan.

Die gesellschaftliche Entwicklung ist künstlerisch gerade sehr inspirierend, weil so viel verdammt verquer läuft. Da meine ich nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch Mediennutzung, den Umgang untereinander, wie viel Konzentration in das eigene Ego fließt und nicht auf den Gesamtzusammenhang, wie sehr man sich nach vorne stellt, … Das ist totaler Input für uns als Künstler. Wir saugen das auf und können daraus etwas bauen. Aber eigentlich hätten wir es natürlich viele lieber, wenn wir diese Sachen nicht ansprechen müssten. Das soll jetzt nicht zu depressiv klingen… wir sehen immer das Gute im Menschen! Aber wir müssen einfach unser Maul aufmachen. Die Leute, die da keinen Bock darauf haben, hören dann halt etwas leichter Verträgliches.   

Chris: Wo man nicht so viel nachdenken und hinhören muss.

David: Genau! Ich kann mir auch nicht den ganzen Tag FJØRT anhören. Hallo?! Man kann sich nicht immer dieses krass Intensive und Ballernde anhören. Aber manchmal braucht man das und dann hoffen wir am richtigen Fleck zu sein.


Foto: Andreas Hornoff

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