


Freitag, 03.02.2012
La Bohème
Kein Angriff auf die Tränendrüse
Regisseur Benedikt Bormann inszeniert Giacomo Puccinis Repertoireliebling "La Bohème" schlüssig und eindringlich. Reichlicher Beifall für die Premiere mit Svetislav Stojanovic und Joanna Caspar in den Hauptrollen.
Foto: Theater Trier
Trier. Auch ohne Geld lässt es sich leben. Notfalls heizt man den Ofen am eisigen Weihnachtsabend mit einem Romanmanuskript. Die vier Mitglieder der Männer-WG, Rodolfo, Schaunard, Marcello und Colline lassen sich von solchen Banalitäten ihren Spaß nicht vermiesen. Unerwarteter Geldsegen verballert man lieber im Café, statt damit die Mitschulden zu begleichen. Das ist ein lustiges Leben, bis Rudolfo die Stickerin Mimi kennen lernt. Viel Zeit bleibt den beiden nicht, denn Mimi hat Tuberkulose. Von Anfang an ist den ungleichen Liebenden klar, dass es nur eine Liebe auf Zeit ist. Rodolfo fürchtet sich vor den Problemen. Spätestens, wenn die ersten Blumen wieder blühen, will man sich trennen. Keine Spur von Romantik, hier herrschen klare Verhältnisse. Die Frauen im Quartier Latin sind nur gut fürs Amüsement. Das weiß auch die Sängerin Musetta. Sie nimmt, was sie kriegen kann und bestimmt wo es lang geht.
Die Männer übernehmen keine Verantwortung. Selbst Mimis Tod verläuft am Ende ganz unspektakulär. Unbemerkt von den Freunden sackt sie still an der kahlen Wand zusammen.
Puccinis Schmachtfetzen entpuppt sich unter der Regie von Benedikt Bormann als schonungsloses Genrebild der Pariser Bohéme. Es gibt keine Helden und Mörder, und auch kein Happy End in dieser Oper. Die Inszenierung ist stimmig, intelligent und lässt der Musik ihren Raum. Jede Szene orientiert sich an Puccinis wohldurchdachter Komposition. Rhythmus und Tempo der Musik spiegeln sich in der szenischen Darstellung wider. Dennoch wirkt sie nicht immer so sinnlich packend, wie es das Sujet und die Musik erwarten lassen: Die Taschentücher bleiben unbenutzt.
Verortet in die Zeit der Jahrhundertwende, entfaltet sich Puccinis Pariser Vorstadt-Verismo in den pittoresken Straßenszenen mit viel buntem Völkchen. Schmuddelige, schräge Hausfassaden und Fenster, die ins Leere ragen, unterstreichen die Tristesse eines eiskalten Februarmorgens. Martin Breitenfellner (Bühnenbild ) und Carola Vollath (Kostüme) haben eindrucksvolle Bilder geschaffen.
Starke und unmittelbare Gefühle bestimmen die Handlungsweise der Protagonisten. Svetislav Stojanovic ist ein kultivierter sensibler Rudolfo, der an seiner unglücklichen Liebe zu Mimi sichtlich leidet. Stimmlich und äußerlich ist er die ideale Besetzung. Joanna Caspar wirkt in ihrer Debütrolle als Mimi schon erstaunlich abgeklärt. Ihr klarer Sopran lässt noch Großes hoffen. Evelyn Czesla glänzt als emanzipierte Musetta. Der souveräne Bariton Alexander Traut als lebenslustiger Musiker Schaunard bildet mit Carlos Aguirre als Marcello und Pawel Czekala als Colline ein gut eingespieltes Trio. GMD Victor Puhl dirigiert das Philharmonische Orchester sängerfreundlich und engagiert. Ohne Schmalz und Pathos passt sich ihre Interpretation der Inszenierung an. Ein schöner und gelungener Opernauftakt im Stadttheater. Das dankbare Publikum spendete denn auch reichlich Beifall (ks).
– von Hanne Krier