DJ VISEone organisierte einst die erste Hip-Hop-Jam im Exhaus, tourte durchs ganze Land und war Resident-DJ in allen Clubs der Region. Am Samstag, den 7. März steht er bei »Afrodisiac« hinter den Plattentellern. Ein bewegtes Leben, das, wie sich im Portrait zeigt, auch seinen Preis hat.
Trier. Zu Hause lief Boney M. oder irgendwelches Schlagerzeug. Bis Wolfgang Ohlig aka DJ VISEone zwölf oder 13 war, kann er sich an Musik oder einen Musikgeschmack nicht erinnern. »Queen fand ich mal gut«, sagt er leicht schmunzelnd und schaut dabei auf den Tisch.
Es ist gar nicht so leicht den Mann, der im Café Lecca seine Cola mit Strohhalm aus der Flasche trinkt, mit seinen gängigen Hip-Hop-DJ Vorurteilen in Verbindung zu bringen. Das Haar trägt er igelig nach oben gegelt, auf seiner Nase sitzt eine bleichrahmige Brille und er ist relativ unauffällig gekleidet. Keine überdimensionierte Schirmkappe, keine billig blitzenden Ketten und vor allem keine bläulich schimmernden Augenränder von der Nacht zuvor.
Alle Ziele abgehakt
Vor einem Jahr hat er in Salmtal bei Wittlich gebaut. Die großen Bookings, die Wochenenden in drei verschiedenen Städten an drei Tagen sind Geschichte. Wolfgang Ohlig kann davon erzählen ohne wehmütig zu wirken. Vielmehr ist er zufrieden. Er hat in einem Musikvideo mitgespielt, eine Platte rausgebracht und vor tausenden Leuten in ganz Deutschland aufgelegt. »Ich konnte hinter alle Sachen, die ich machen wollte, ein Häkchen setzten, das genügte mir«, resümiert er eine Zeit, die ihm den Glanz in die Augen treibt, wenn er von ihr erzählt.
Er war alleine zu Hause und schaute Fernsehen. Der kleine Wolfgang war dreizehn Jahre alt, als im ZDF »Wild Style« lief, der legendäre Breakdance-, Graffiti- und Hip-Hop-Film, der für eine ganze Generation zum Kult wurde. »Ich habe sofort die Sofas im Wohnzimmer zur Seite geschoben und versucht die Moves nachzutanzen.«
Das war die Initialzündung. Es folgten mühsame Breakdanceversuche, die bald aus mangelnder Eignung eingestellt wurden. Graffiti und Platten kamen dazu, Nächte vor Plattenspielern und Skizzenbüchern und erste Gigs auf der Airbase Spangdahlem. Schließlich legte er beim ersten Trierer Hip-Hop-Jam im Exhaus auf und wurde in allen Clubs der Region als Resident-DJ engagiert. Dieser Werdegang sollte nach München, Hamburg und überall dorthin führen, wo die Leute zu VISEone tanzen wollten.
Alles erlebt und beinahe alles gehabt
Wolfgang Ohlig weiß um die Indikatoren und Katalysatoren einer guten Party. Wenn man ihn danach fragt, wie er seine Abende angeht, eine Dramaturgie in seine Sets einbaut, spricht er darüber wie ein erfahrener Lehrer, der einen Klassenraum betritt und sofort die Hierarchie, die Konstellationen, die Freundschaften und Feindschaften erkennt.
»Man muss die Leute beobachten. Wichtige Dinge erkennt man häufig an einem Schulterklopfer, an einem stehen gelassenen Getränk. Wichtig ist es, darauf reagieren zu können, eine Platte vorzuziehen, oder noch zu warten.« So spricht er über sein Handwerk. Lernen könne man das, aber man bräuchte Gefühl dazu, die Leidenschaft zur Musik gepaart mit einer situativen Auffassungsgabe.
Für die gegenwärtige und kommerziell erfolgreiche Hip-Hop-Musik findet er ebenso treffende, wie auch weniger positive Beschreibungen. Wolfgang Ohlig kritisiert die gesunkene Aufnahmefähigkeit- und Bereitschaft seines jungen Publikums. Platten, die keiner kennt, würden nicht gefeiert und nicht getanzt. Es werden Hits gefordert, die morgens im Radio laufen. Die Clubbesitzer seien aber in diesen ruppigen Zeiten auf den Erfolg angewiesen, auf Geld und volle Säle.
Für den DJ schließt sich damit ein Teufelskreis. »Man muss über seinen Schatten springen können, aber 'Ice Ice Baby' würde ich trotzdem nie spielen.« Es macht ihm mittlerweile mehr Spaß, bei Formaten wie »Afrodisiac« aufzulegen, und alte Soul- und Funk-Nummern mit Hip Hop aus den Neunzigern und aktuellen Independent Produktionen zu mischen.
Wolfgang Ohlig ist der Pionier der regionalen Szene, war bei der europäischen Geburtsstunde der Hip-Hop-Kultur im Kreissaal dabei und hat die Nabelschnur mit Absicht nicht durchschnitten. Er hat alles erlebt und fast alles gehabt. »Und irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich fragen musste, ob ich mit 50 auch noch da stehen und davon leben kann. Ob ich meine Freundin am Wochenende nie sehen möchte und wovon sonst die Rechnungen am Monatsende bezahlt werden.«
So entschied er, das Unterwegssein einzuschränken und seine Tätigkeit als Designer weiter auszubauen. Wenn er jetzt von Projekten und Ideen spricht, sind es nicht mehr neue Produktionen mit »THM-Squad«, oder eine Jam im Exhaus, sondern Designertoys, ein DJ-Comic und ein Brettspiel. Aber man weiß bei jedem Satz den er spricht, dass eines nie aufhören wird, das Musikhören, die Plattensammlung und das angenehme Glänzen in den Augen, wenn es um »Wildstyle« geht (jek).
»Afrodisiac « feiert mit DJ VISEone seinen ersten Geburtstag. Los geht's am Samstag den 7. März um 22:00 Uhr im Forum.