Im Juni zwang ein Kreislaufkollaps den Dada-Virtuosen Helge Schneider auf offener Bühne dazu, seine Tour nach über 40 Konzerten in Folge zu unterbrechen. Nun ist er wieder auf den Beinen – und so wurde das Trierer Amphitheater beim Open Air am Donnerstagabend zum Schauplatz einer grandiosen Comeback-Show mit dem herrlich nichtssagenden Titel "Buxe voll", in welcher der 55jährige seine 2200 Zuschauer zweieinhalb Stunden lang begeisterte.
Trier. Aus ihm hätte so viel werden können. Philosoph. Lehrer. Perückenmacher. Vielleicht sogar einer der besten Jazzmusiker unserer Tage. Aber Helge Schneider hat sich für das einzig Richtige entschieden: Er wurde zu jenem Allround-Komiker in Deutschland, der dank seines Alleinstellungsmerkmals bereits seit mehr als zwanzig Jahren hierzulande ein Massenpublikum anzieht und – sofern es seine Gesundheit zulassen sollte – dies auch gewiss noch lange tun wird. Sein Humor brilliert durch eine einzigartige Mischung aus qualitativ höchstwertiger Musik, dazu ganz und gar nicht passenden Unsinns-Texten ohne Reim und ohne Rythmus sowie eine durch Kleidung und Grimassen verulkte äußere Erscheinung, die ihm in dieser Form auch reihenweise Hauptrollen in schlechten Pornos oder Horrorstreifen aus der untersten Niveauabteilung der Filmbranche verschafft hätten.
Aber auf diese Idee ist der Mülheimer natürlich längst selbst gekommen. Nur dass er lieber alle Fäden selbst in der Hand hält: Sechs eigene Filme stehen bereits zu Buche, die einen adäquaten Ausschnitt seines genialen Wahnsinns präsentieren, den er auch in seinem Bühnenprogramm gekonnt auf die Spitze treibt. Seine famose Band muss immer wieder nicht nur als Zielscheibe von Schneiders Hohn und Spott herhalten, sondern auch auf die spontanen Einfälle des Frontmanns reagieren, was dem (76jährigen!) Bassisten Rudi Olbrich, dem Schlagzeuger Willi Ketzer, dem Gitarristen Sandro Giampetro und Tyree Glenn Jr am Saxophon dann auch glänzend gelingt. Und am Rand sitzt die ganze Zeit Bodo Oesterling im Mozart-Kostüm und muss auf Befehl des Meisters Tee servieren.
"Gib ma her, ich bin Teeist", kalauert der Rekonvaleszent munter drauflos. Eventuell ist die ständige Einnahme des Heißgetränks eine Anspielung auf seine krankheitsbedingte Pause – wahrscheinlich aber will er damit überhaupt nichts ausdrücken. Denn gerade dieser Gaga-Trash auf beachtlicher Geisteshöhe macht seinen großen Erfolg ja aus. Oder pathetisch ausgedrückt: Die vordergründige Sinnlosigkeit allen Seins und die tatsächliche Unzulänglichkeit menschlichen Strebens finden in seinem künstlerischen Schaffen eine Synthese, die sich treffender und vor allem lustiger kaum ausdrücken ließe. Reime wie "Ich näh' ihr die Backen in den Nacken, dann kann sie besser kacken" aus seinem neuen Lied "Der Schönheitschirurg aus Bananien" demonstrieren zwar eine deftige Clownerie, die isoliert kaum komisch zu sein vermag.
Doch kombiniert Schneider seine Auftritte immer mit der ihm eigenen, niemals einstudierten und gerade deshalb so wunderbaren Choreographie, bei der er schon mal klingt wie der Affenkönig
King Louie aus dem "Dschungelbuch" oder auch seine charakteristisch-eckigen Bewegungen darbietet. Und zwischen Klassikern wie
"Texas",
"Telefonmann",
"Wurstfachverkäuferin" und
"Meisenmann" gibt er natürlich auch seine kultige
Udo-Lindenberg-Parodie zum Besten.
Schneider und seine Combo sind sich für keine Peinlichkeit zu schade. Ob es nun irgendwie nach Elektrobrand riecht und der Protagonist seinen Techniker auf die Bühne holt, um ihn ausgiebig an der Orgel schnuppern zu lassen oder ob er sich verspielt – stets gelingt es ihm, sich originellstmöglich aus solcherlei Situationen herauszuimprovisieren. Welch ein Vergnügen auch, wenn sich Ausdruckstänzer
Sergej Gleithmann – rein phänotypisch eine skurrile Kreuzung aus
Dan Kelly und dem
Eremiten aus "Monty Python's Life of Brian", der 18 Jahre lang kein Wort geredet hat – wild auf der Bühne austobt.
Helge Schneider ist ein typisches Exempel für ein Phänomen, das Sonderlinge oft verfolgt: Entweder man hasst ihn abgrundtief oder man liebt ihn abgöttisch. Diejenigen, für die Letzteres gilt, mögen ihn häufig für verschiedene Facetten seiner Kunst. Die einen stehen auf seine manchmal platten und meist pointenfreien, aber stets perefekt getimten Gags. Andere lachen sich bei seinen absonderlichen Songtexten kaputt. Wieder andere beten ihn als adretten Verwandlungskünstler an. Alle gemeinsam aber reagieren entzückt bis beeindruckt, wenn sie dabei zuzusehen, wie dieser begnadete Musiker seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht und etwa gleichzeitig auf dem Flügel und auf der Trompete spielt – und dann sind sie wirklich dankbar, dass er sein vielschichtiges Talent nicht nur als Jazz-Musiker in verrauchten Spelunken zur Schau stellt, sondern in brillanten und abwechslungsreichen Bühnenprogrammen zur Entfaltung bringt.