


Montag, 31.10.2011
Modenschau
Preview
Die Maximin-Kirche öffnete am vergangenen Samstag, dem 29. Oktober 2011, ihre Tore damit Interessierte die wunderschönen Abschlusskollektionen der diesjährigen Diplomanden bewundern konnten. Einige Eindrücke hat hunderttausend.de in einem Fotoalbum festgehalten.
Foto: Ralf Heid
Trier. Eröffnet wird der Abend von Belkis Baharcieva, die mit ihrer Kollektion "Dubai Dreams" einen Blick in die modische Zukunft des Wüstenstaates riskiert: Kapuzen, Kopftücher und Bodenlange Umhänge in erdigen, sandigen Tönen werden mit blauen Farbakzenten kombiniert. Weg von Wüstenassoziationen hinein in ein ländliches Idyll führt Johanna Pscheidt in "Bohemian Rhapsody": In ihrer Hommage an die Natürlichkeit herrschen florale Prints, klassisch feminine Schnitte, Blumenkränze im Haar und Pastelltöne. In eine andere stilistische Richtung zieht Markus Junker mit seiner Kollektion "F(X)=C; X=C" , die sich als ebenso mathematisch entpuppt, wie der Titel klingt: Linien, so gerade, als hätte man sie mit einer Wasserwaage gezogen, klare Schnitte, die auf Ausschmückung verzichten; auch wenn zwischendurch farbenfrohe Akzente winken, ist der große Blickfang hier die stilsichere Kunst des Weglassens.
May Bernardi präsentiert sich in "FW 2012/13" als Fachfrau für die ungewöhnlichen Materialkombinationen: leichte, durchschimmernde Stoffe treffen auf feste Neopren- und Loden-Elemente, die dem Körper des Tragenden eine ganz bestimmte Haltung vorgeben. Mit spektakulären Raffungen und extravaganten Schnitten sind die Kreationen zwar sicherlich untragbar, gehören unter gestalterischen Gesichtspunkten aber zu den Sternstunden der Modenschau. Während man bei manchen Designern ergebnislos rätselt, was sie zu ihrer Kollektion veranlasst hat, geht Miriam Eicke-Schulz ganz offen mit ihrer Inspirationsquelle um. "Escapation" ist ein modisches Denkmal für die Tänzerin Anita Berber und das Berlin der 20er-Jahre. Mit transparentem Strick, Spitze und Netzoptik bedient sie die klassische Tänzerinnen-Assoziationen, geht aber auch darüber hinaus: Kniestrümpfe mit Jugendstil-Prints und fließende Stoffe in satten Farben machen die Kollektion zu einem autonomen Gesamtkunstwerk.
Christina Tannenberger lässt unter dem Motto "Fassade" architektonische Strukturen auferstehen: Skyscraper-Prints auf wehender Seide, statische Blazer über geometrisch geschnitten Tops. Anna Gronbach fand die Inspiration für ihre Kollektion "Lumineszenz" in der Beschreibung fantastischer Unterwassergeschöpfe. Ihre ganze Pracht entfalteten die simplen Schnitte erst im zweiten (verdunkelten) Durchlauf, als Schwarzlichtlampen versteckte Akzente und Strukturen sichtbar machen. Ganz und gar alltagstauglich schickt Sina Steidinger ihre Mannequins in Denim-Jeans auf den Laufsteg, kombiniert mit weißen Blusen und farblich abgesetzten Seidentops. "Used Unique" ist die Kollektion überschrieben, die mit der Einzigartigkeit von Abnutzungserscheinungen spielt.
Ines Zacharias hat in mindestens einer Hinsicht das Prädikat "Aktuellste Arbeit" verdient: In "Connected." arbeitet sie mit ökologischen Textilien und recycelten Materialen. Sie zeigt, dass Nachhaltigkeit in der Mode nicht zwingend dem landläufigen Klischee des "Öko-Looks" entsprechen muss: "Fremdmaterialien" wie Unterlegscheiben werden intelligent in das Design eingegliedert, das insgesamt eher glamourös als augenfällig nachhaltig ist.
Für den letzten Lauf des Abends wird noch einmal alles an Dramatik aufgeboten, was man zu bieten hat: Anstatt eines Videos stakt ein hochgewachsenes Modell auf den Laufsteg, bekleidet mit zerfetzter Strumpfhose, glitzernden High Heels, einem bemerkenswerten Hutaufbau und sonst nicht sehr viel. Wie Kate Moss in ihren besten Jahren schwankt sie mehr als sie geht und stimmt in ihrer rotzigen Eleganz auf das ein, was da gleich kommen wird: "Anonym", die Diplom-Kollektion von Dandie Zimmermann – nicht nur gemessen am Applaus – der eindeutige Höhepunkt des Abends: In einem wilden Zusammentreffen ungefähr aller Materialien, die man sich vorstellen kann, trifft Landstreicher-Chic trifft auf elegant inszenierte Zerbrechlichkeit, Leder und Federn auf Seide, strenge Schnitte auf scheinbar chaotisch zusammengetackerte Stofffetzen. Leitmotiv ist die Wandelbarkeit: Was eben noch eine Tasche war, wird zum Überwurf, der Mantel verwandelt sich in einen Rock. Dass dieses Sammelsurium trotzdem als schlüssiges Gesamtkunstwerk im Gedächtnis haften bleibt, spricht für die Stilsicherheit eines Designers, dem man kaum glauben möchte, dass er frischgebackener Diplomand ist.
Insgesamt scheinen die Studierenden, die den Abend eigenverantwortlich gestalten, sich für ein wohltuendes "Weniger ist mehr" entschieden zu haben: Keine Rede, keine Einführungen, keine Erklärungen. Einziges Hilfsmittel, das dem Zuschauer an die Hand gegeben wird, ist ein sorgsam gestaltetes Programmheft, das sich in das Gesamtkonzept fügt: Zu Wort kommen die Diplomanden, die hier und da etwas über ihre Inspirationsquellen verraten, ohne in vielen Worten ihre Kreationen erschöpfend erklären wollen. Die Bewertung liegt beim Zuschauer selbst und ist mal mehr, mal weniger verbindlich – unter den Zuschauern saßen auch die zuständigen Prüfer der Fachhochschule.
– von Kathrin Schug