Diesen Beitrag Freunden weiterempfehlenDruckansicht öffnenTeilenBookmark and Share
Freitag, 28.03.2008
Jimi Berlin
Hallo Tagebuch (69)
»Gabba Gabba«
Jimi Berlin;Hallo Tagebuch (69)
»Aua! Das tut bestimmt weh«, meinte Rüdiger und zeigte auf ein Foto in der BRAVO, wo ein junger Mann mit rasierten Schläfen und Irofrisur zu sehen war. »Früher musste ich auch saukurze Haare tragen«, entgegnete ich und las die Überschrift: »Sie nennen sich Punks und rufen 'No Future'.« »Du Iddi!«, rief Rüdiger, »ich meine die Sicherheitsnadel in der Backe!«

... Fünf Minuten später hatten wir zwei Sicherheitsnadeln aus dem Nähkorb von Rüdigers Mutter gekramt und standen unschlüssig vor dem Alibert-Spiegelschrank im Badezimmer. Halbherzig setzten wir die Nadelspitzen an, aber Rüdiger hatte Recht: es tat weh.

1978. In der deutschen LP-Hitparade standen ganz oben die BEE GEES, BONEY M. und die deutsche Nationalmannschaft(!) mit Udo Jürgens und grandiosen Rocksongs wie »Buenos Dias Argentina« und »Er hält den Ball, sie hält den Daumen«. Kein Wunder, dass es die RAF gab.

Wir waren vierzehn und nicht besonders risikofreudig. Nach einigem Hin und Her entschlossen wir uns, die Sicherheitsnadeln auf einer Seite mit der Zange durchzuknipsen, um sie wie einen Clip in die Backe zu klemmen. »Astrein!« sagte Rüdiger und überlegte laut, ob er sich auch noch den passenden Iro dazu rasieren sollte. »Lass mal lieber«, riet ich ihm, »gibt nur Ärger mit deinen Eltern.« Die Sicherheitsnadel tat auch so ganz schön weh.

Wir gingen wieder auf sein Zimmer und Rüdiger trennte das SEX-PISTOLS-Poster aus der BRAVO und pinnte es über sein Bett. »Hast du was von den Geschlechtsverkehrshandfeuerwaffen da?«, fragte ich, nahm die Sicherheitsnadel raus, rieb mir die Backe und wischte mir die Lachtränen aus den Augen. »Geschlechtsverkehrs! Handfeuerwaffen! Verstehst du?!« prustete ich lachend, aber Rüdiger guckte nur resignierend. Er hatte eine Kassette mit »Anarchy in the uk« drauf. Als das Lied vorbei war, kam »Roboter« von KRAFTWERK und Rüdiger suchte nach einer anderen Kassette.

Ich schnappte mir die BRAVO.

»No future lautet das Motto der Punks in London. Sie wollen nicht arbeiten und haben keinen Bock, früh aufzustehen. Ihre Lieblingsband heißt SEX PISTOLS«, stand im Artikel. 1976 war die erste Platte der Band herausgekommen, aber davon bekam ich nichts mit, ich hatte damals wie heute einen fragwürdig zerrissenen Musikgeschmack und mochte Bands wie SANTANA und AC/DC. Aus purem Zufall hatte ich allerdings irgendwann eine RAMONESplatte erstanden, »Leave home«, eine Aufnahme, die im Nachhinein betrachtet alles auf den Punkt bringt, was die RAMONES ausmacht.

Das Cover mit den vier Männern in zerrissenen Jeans, Lederjacken und den seltsamen Ponyfrisuren hatte mir so gut gefallen, dass ich einen Monat meine Oma fast täglich besuchte, bis ich die achtzehn Mark für die Platte zusammen hatte - ohne auch nur einen einzigen Ton davon gehört zu haben. Aber was ich schließlich hörte, gefiel mir umso besser: die Platte lief bei mir wochenlang in Dauerrotation.

Von Punk redete 1974, als sich die Band gründete, noch keiner, und auch die RAMONES verstanden sich eher als Rock’n‘ Roller, die keine Lust auf Gitarrensoli und das etablierte Bombast- und Kunstrockgenudel von GENESIS, YES oder EMERSON, LAKE & PALMER hatten. Sie spielten gradlinige Songs ohne Experimente und orientierten sich am amerikanischen Garagenrock der 60er. Ihre Stücke waren schnell, laut, einfach und dauerten maximal drei Minuten, ihre Konzerte waren dreißigminütige Explosionen, nur unterbrochen von Gabba! Gabba! Hey! - Rufen und dem legendären Anzähler »one-chew-free-far«.
Perfekt.

Rüdiger suchte derweil immer noch in seinen Kassetten und ich blätterte weiter zu Dr. Sommer, wo ich einen Leserbrief zu meinem größten Problem fand: Ich war 13 und hatte noch keine Schamhaare. Ein Thomas D. aus B. schrieb, er hätte ein Mädchen kennengelernt, mit dem er »gehen« wolle, traue sich aber wegen seiner fehlenden Untenrumfrisur nicht recht, sich an sie ranzumachen.

Miteinander »gehen« hieß soviel wie Zungenküsse und, wenn es gut lief, Petting auf dem Zimmer. Wenn man Pech hatte, stürmte Mutti ohne Anklopfen rein, um »Habt ihr was gegessen?« oder »Wollt ihr Kekse?« zu fragen, bevor sie die Situation erfasste.

Am nächsten Tag gab es dann anstrengend peinliche Gespräche über Verantwortung, Händewaschen und Verhütungsmittel, die mit dem Satz endeten: »Dein Vater weiß nichts davon und es ist besser, wenn das so bleibt.« Zu meinem und Thomas D.‘s Problem meinte Dr. Sommer, das sei nicht weiter schlimm, einige wären eben Spätzünder und Mädchen in solchen Dingen recht verständnisvoll.

Ich legte das Heft zur Seite.
Ich wollte kein Spätzünder sein, ich wollte Schamhaare.

»Muss nach Hause«, sagte ich nach einem Blick auf die Uhr, zog den Bundeswehr- Parka an und stapfte hinaus in die Kälte.

Am nächsten Morgen kam Rüdiger mit roten Haaren zur Schule. »Geil«, befand ich, »was meinen deine Eltern dazu?« »Ist Wasserfarbe«, sagte Rüdiger, »bevor ich nach Hause komme, wasch´ ich die wieder raus.« Die Sicherheitsnadel hatte er immer noch in Backe, musste sie aber schon in der ersten Stunde ausziehen und zur Strafe an der Tafel Wurzel ziehen und Dreisatz rechnen. Zudem rief der Direktor bei Rüdigers Eltern an und das Thema Punkrock war damit fürs erste erledigt.

Die RAMONES aber machten weiter bis 1996, tauschten ihre Schlagzeuger wie die Unterhosen und segneten nach ihrer Auflösung einer nach dem anderen das Zeitliche, als wäre die Band ihr Lebenselexier gewesen. Ihr so charismatischer wie neurotischer Sänger Joey Ramone machte 2001 den Anfang, der Bassist Dee Dee Ramone folgte ihm 2002 ins Bandgrab und Gitarrist Johnny Ramone 2004.

Der letzte Ramone der Gründungsformation ist ausgerechnet Drummer Tommy Ramone, der seine Überlebenschancen wahrscheinlich durch den Bandaustritt 1978 normalisierte - Songtitel wie »I wanna be sedated« oder »Now I wanna sniff some glue« lassen auf einen weitgehend ungesunden Lebensstil der RAMONES schließen.

Trotz eher bescheidenen Chartplatzierungen und sound- und songmäßig furchtbaren Hardrockplatten in den 90ern wurden die RAMONES 2002 mit der Aufnahme in die »Rock´n Roll Hall of Fame« geehrt, wo sie sich wegen ihrer grandios zeitlosen Aufnahmen aus den 70ern einen Ehrenplatz verdient haben. Und bis heute gehören RAMOESshirts und -buttons zur definitiven Punk- und Rockattitüde wie Chucks und gut gelaunte Teenagerdepressionen.

Heyho let´s go in alle Ewigkeit Amen.
– von Uwe Reinhard