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| Jimi Berlin | |
| Jimi Berlin;Hallo Tagebuch (74) | |
| Tote Tiere - Warum Goldie sterben musste | |
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| Auf der Geburtstagsparty von Herrn Truong, der in der Stadt eine Suppenküche betreibt und wie immer mit stilsicherer Kleidung zu beeindrucken weiß, erscheinen die Gäste an der Zahl.
Auf den ersten Blick eine gutgelaunte Versammlung sympathischer Menschen, von denen aber einige, wie sich im Verlauf der nächsten Stunden herausstellen soll, ein schreckliches Geheimnis hüten. Drehen sich die Gespräche anfangs noch um die Tücken und Untiefen von Acht-Stundenjobs, steigende Benzinpreise, beginnende Lebermälessen und Rückenzippen, so erinnert man sich wenig später beim Anblick der in den letzten Jahren angeschafften Brut an die eigene Kindheit und wie schön es doch war. Auch wegen der Tiere, die es damals noch massenweise gab. Frösche zum Beispiel. Das Frl. Keck sammelte diese gerne und versteckte sie einmal vor ihrem Vater in einem Tablettenröhrchen, vergaß es sodann in der Jeansjackentasche und fand erst nach Wochen die vertrockneten Überreste der einst fröhlich vor sich hinhüpfenden Tiere. Ihre schändliche Tat habe sie erst mit achtzehn Jahren einer nahen Freundin beichten können und noch heute laste der schreckliche Mord auf ihrer Seele, berichtet die Amphibienassasine. Ihr reuiger Auftritt verliert allerdings durch gleichzeitiges Kichern, Stubbitrinken und Fluppenrauchen an Ernsthaftigkeit. »Vielleicht befand sich unter den Fröschen einer mit der genetischen Variante gegen eine bestimmte Pilzinfektion, die heuer sämtliche Frösche zum Aussterben verdammt. Dann wären Sie für das Erlöschen einer ganzen Art verantwortlich«, gebe ich zu bedenken. »Oder ich!«, kräht Hr. Üffes und bringt gut gelaunt aufs Tapet, dass er mit zwölf Jahren Frösche rabiat mit Tennisschläger und Vorhandschlag ins Jenseits zu befördern pflegte, um »cool zu wirken«, wie er scherzend meint. Verständnisvolles Gekecker bei den Herren, die Damen tun so, als wär ihnen gruslig. Hr. Lorenzo, spanischer Herkunft und daher immer etwas aufgeregt, erzählt mit sichtlicher Freude und schauspielerischen Einlagen von seiner Schwester, die nicht nur eine Ente zu Tode küsste - »ma, ma, ma und dann war die Ent tot« - sondern eine zweite gar zwecks Säuberung und Geruchsentfernung kurzerhand und gut gemeint in die Waschmaschine steckte. Dem anschließenden Reanimationsversuch im Wäschetrockner war leider kein Erfolg beschieden, aber schön sauber und flauschig-fluffig sei die Ente hernach gewesen. Die schönste und anrührendste Tiermördergeschichte aber hält Frl. Schmitt parat, die einst, im zarten Alter von acht Jahren, eine griechische Landschildkröte namens Goldie von Herzen liebte, sogar mehr als Ponys und Barbie-Frisierköpfe. Als der Winter nahte, machte sich Frl. Schmitt Sorgen um ihre Schildkröte, denn in einem Buch hatte sie gelesen, dass diese Tiere sich zur kalten Jahreszeit einzugraben pflegen. Als die knuffige Panzerechse dazu aber keinerlei Anstalten machte, buddelte das Frl. Schmitt in kindlicher Fürsorge und aufrichtiger Tierliebe ein großes Loch im Garten, küsste noch einmal Goldies schrundigen Panzer, verscharrte das ahnungslose Tier im frostigen Grab und gab noch zwei Salatblätter hinzu für den ersten Hunger nach langem Winterschlaf. Was mag wohl im kleinen Echsenkopf vor sich gegangen sein, als er sich aus der Dunkelheit des Panzers in die nächste Finsternis reckte? Vielleicht noch »Hey, superklasse, Salat«? Die Leiche jedenfalls wurde nie gefunden, so gründlich und tief hatte das Frl. Schmitt gegraben. Auch sie plage bis heute ein schlechtes Gewissen, beteuert die reuige Haustiermeuchlerin und kippt sich zur Balsamierung der Nerven einen Reisschnaps hinter die Binde. Die umstehenden Tiermörder nicken verständnisvoll, nur Hr. Üffes beißt herzlos in eine gegrillte Wurst … Welch schauriges Schicksal sich wohl unter ihrer Naturdarmpelle verbergen mag? | |
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