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Wir gehen einen trinken mit…Angelika Birk;"Wer klein ist, muss schlau sein"
Seit Februar 2010 gehört Angelika Birk als Bürgermeisterin und Dezernentin für Bildung, Jugend, Soziales und Sport dem Trierer Stadtvorstand an. hunderttausend.de traf sie im Familiencafé Löwentatze zu einem echten Grünen-Frühstück: Bei einer Portion Müsli erklärte die Bürgermeisterin, was sie damals aus dem hohen Norden nach Trier lockte, spricht über die Probleme überschuldeter Kommunen und die Hoffnung, die ihr die jüngsten politischen Proteste machen.
 
 
Autor: Kathrin Schug | Foto: Johannes Friedrich
 
Trier. Ein Hauch von Prenzlauer Berg weht durch die Neustraße. Im Familiencafé Löwentatze steht ein Laufgitter vor dem Ausgang, die windeltragenden Gäste sind in der Mehrheit und der Lärmpegel erinnert eher an einen Kindergarten als an ein Trierer Innenstadtcafé. Ein zweijähriger Blondschopf dreht – unbeeindruckt vom Flehen seiner Mutter, leiser zu sein - seine lautstarken Bobbycar-Runden um den Spielteppich, wo ein anderes Kind sich interessiert durch die gesammelten "Komm mit aufs Töpfchen"-Werke blättert. "Samstags und sonntags geht es hier noch lauter zu", sagt Angelika Birk, die trotz – oder wegen – des Kinderlärms gerne herkommt, und denkt laut darüber nach, wie das Prinzip Bobby-Car schon im frühen Kindesalter zum Individualverkehr erzieht.

Sie bestellt Latte Macchiato und das Müsli-Frühstück. "Ziemlich standesgemäß für eine Grüne", lacht sie. Seit Februar 2010 ist sie als Bürgermeisterin, Bildungs- und Sozialdezernentin Teil des Trierer Stadtvorstandes, neben Oberbürgermeister Klaus Jensen, Wirtschaftsdezernent Thomas Egger und Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani. Als sie sich 2009 auf das Amt bewarb, sorgte das zunächst für Überraschung, denn in der Region war die Politikerin für viele ein unbeschriebenes Blatt. Ihre politischen Meriten verdiente sie sich im hohen Norden, unter anderem als Ministerin im Kabinett von Heide Simonis in Schleswig-Holstein.

Neuanfang mit 54

Den ersten Eindruck von ihrer neuen Wahlheimat verschaffte sie sich via Google, das war 2009. Birk saß damals – mit Unterbrechungen – seit dreizehn Jahren im schleswig-holsteinischen Landtag und hatte das Gefühl, dass sie in ihrem Leben gerne noch etwas anderes machen würde. Als sie die Stellenanzeige für das Bürgermeisteramt las, war ihr Interesse geweckt. "Auf den ersten Blick hat mir die schöne Altstadt gefallen, die kurzen Wege und das vielfältige ehrenamtliche Engagement, das hier an allen Ecken blüht", erinnert sie sich. Schließlich entschloss sich die gelernte Lehrerin, vertraute Netzwerke und gute Freunde hinter sich zu lassen, um mit 54 Jahren noch einmal einen Neuanfang an der Mosel zu starten.

Für Birk liegt der Reiz kommunalpolitischer Arbeit in der unmittelbaren Erlebbarkeit der Ergebnisse: "'Wird dieser Kindergarten gebaut? Findet jene Sportmaßnahme statt?' Das sind Resultate, die ich sehen und anfassen kann", sagt sie, "ich kenne die Menschen, um die es geht, das schätze ich sehr an dieser Arbeit". In anderer Hinsicht war Trier ein Sprung ins kalte Wasser: Bei ihrer Ankunft fiel ihr auf, dass die Stadtverwaltung bei der Einstellung von Frauen, Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund nicht unbedingt Spitze war. Die vielen Frauen und Mitglieder mit Migrationshintergrund im Stadtrat, die geschlechterquotierte Besetzung der Stadtspitze seien mittlerweile ermutigend; trotzdem macht Birk als Bürgermeisterin immer noch die Erfahrung, dass Männer mitunter Schwierigkeiten mit weiblichen Vorgesetzten zu haben scheinen. "Das Problem ist oft, dass Frauen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Bei einer Begegnung wird dann unbewusst abgeklopft, ob sie diese Eigenschaften erfüllt oder nicht", erklärt Birk, die lange Zeit als Gleichstellungsbeauftragte gearbeitet hat. "Das ist eine doppelte Anstrengung: für den Mann, der umlernen muss, und für die Frau, die sich immer klarmachen muss, warum das Gegenüber bisweilen komisch reagiert."

"Familien brauchen auch Zeit für sich"

Zehn Uhr. Die meisten der Mütter in der Löwentatze haben ihr Frühstück beendet und schauen ihren Kindern beim Toben zu, kommen miteinander ins Gespräch und tauschen Geschichte und Ratschläge aus. "Ein Angebot wie dieses hier ist ein Standort-Vorteil in puncto Kinderfreundlichkeit", sagt Birk. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eines der Kernthemen der Bürgermeisterin - dabei sieht sie nicht nur die öffentliche Hand, sondern auch private Akteure in der Pflicht. Mit Sorge beobachtet sie, wie die Wirtschaft oft nur das Interesse jüngerer Zielgruppen im Blick hat: "Der Einzelhandel orientiert sich immer öfter an jugendlichen, allein stehenden Menschen, die Nächte durchfeiern können", sagt sie. "Wenn der Trend dann immer weiter in Richtung Mitternachtsshopping geht, müssen wir uns nicht wundern, dass die Angestellten Probleme haben, ihre Kinder betreuen zu lassen". Selbst umfassende Betreuungsangebote könnten die immer weiter fortschreitende Ausdehnung des Tages in die Nacht nur bedingt auffangen, so die Auffassung der Bürgermeisterin: "In dieser Hinsicht muss eine Gesellschaft Kompromisse finden, Familien brauchen auch Zeit für sich, die sie nicht beim Shopping verbringen"

Längere Öffnungszeiten von Kitas, Sanierung maroder Schulen, Renovierung städtischer Wohnungen - wer anfängt, den städtischen Handlungsbedarf aufzuzählen, ist erst einmal beschäftigt. An Ideen, Geld zu investieren, mangelt es Frau Birk daher nicht. Wenn es um das Thema "Sparen" geht, ist sie aber vermutlich nicht die Einzige, der es spontan an guten Einfällen mangelt. Vieles, was andere Städte jetzt einsparen, habe Trier schon längst nicht mehr, gibt sie zu bedenken. In Zeiten leerer Kassen müsse es ins Auge gefasst werden, private Investoren mit ins Boot zu holen: "Es gibt allerdings öffentliche Aufgaben, die wir nicht aus der Hand geben dürfen, zum Beispiel die städtischen Wohnungen. Aber wenn es um die dringenden Neubau von mehr Wohnungen geht, kommen wir nicht um private Investitionen herum."

"Es gilt noch immer das Prinzip Hoffnung"

Als Bürgermeisterin und Dezernentin liegt der Schwerpunkt ihres Wirkens auf kommunalen Angelegenheiten. Ganz allgemein und zeitgeistig beunruhigt sie die Entwicklung, dass Entscheidungen von wirtschaftlichen Sachzwängen diktiert werden, die außerhalb des politischen Gestaltungsbereiches liegen. "Aushöhlung von Demokratie findet auch dort statt, wo das Urteil von Rating-Agenturen auf lange Sicht die Aufnahme von Krediten unerschwinglich macht", beklagt sie. Von solchen demokratiegefährdenden Strukturen bleibe auch die lokale Ebene nicht verschont: "Wer soll mit Lust in den Stadtrat gehen, wenn nur darüber diskutiert werden kann, was wieder alles nicht geht?", fragt sie. Die politische Arbeit in Kommunen, das weiß Birk aus eigener Erfahrung, kann frustrierend sein. Was Stadträte überschuldeter Kommunen unter Zwangsverwaltung entscheiden können, hat nicht mehr viel mit Gestaltung zu tun. "Die Leute, die sich in den Stadtrat haben wählen lassen, haben diese Situation nicht verschuldet", weiß sie. "In ihrer Arbeit tragen sie aber die Konsequenzen."

Aus diesem Grund wirbt sie für aktives politisches Engagement, zum Beispiel mit dem Jugendparlament. Es macht ihr aber auch Mut, zu sehen, wie weltweit Menschen gegen die Auswirkungen eines entfesselten Finanzkapitalismus auf die Straße gehen: "Es gibt viele Probleme, aber genauso gibt es kreative Leute, die findige Lösungen für diese Probleme suchen und finden. Wer klein ist, muss eben schlau sein"; für Birk, die in ihrer Studienzeit in Heidelberg zu den Gründungsmitgliedern der Grünen gehörte, gilt in dieser Hinsicht immer noch das Prinzip Hoffnung: "Du hast keine Chance", sagt sie, "aber nutze sie" (ks).
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