
Teilen
Freitag, 19.09.2008
Jimi Berlin
Hallo Tagebuch (73)
Die rechteckige Matratze und ihre Folgen
Foto: Uwe Reinhard
Als die Menschen noch in quadratischen Betten schliefen, aus denen frierend ihre Füße und Unterbeine ragten, schnitt man zur Vermeidung von Frostbeulen schon im Kindesalter die Beine am Knie einfach ab.
Wie man sich vorstellen kann, litt vor allen Dingen die Schuhindustrie unter dieser Praxis, aber auch um die Lebenserwartung war es damals nicht gut bestellt.
Meistens verstarb man mit höchstens 30 Jahren, weil man vor lauter Anstrengung, auf die hohen Stühle zu klettern oder an die Regale heran zu kommen, das Herz stark überlastete. Ganz zu schweigen von den bemitleidenswerten Seelen, die mit ihren Stumpen im Schnee stecken blieben.
Erst mit der Erfindung der rechteckigen Matratze verbesserten sich die Umstände rasant.
Die Schuh- und Bettenindustrie blühte auf. Es wurde viel gebaut, größere Häuser wurden notwendig mit höheren Türen und geräumigeren Schlafzimmern.
Auch die Autoindustrie hatte sich umzustellen, die Pedale konnten in den Fußraum verbannt, die Autos
insgesamt größer werden, Autobahnen mussten her.
Eine Veränderung zog die nächste nach sich, die Dampfmaschine wurde erfunden - einige kamen mit der darauf folgenden Industrialisierung zu Reichtum und wollten mehr Komfort: Fußwannen für den Sommer, wenn die Füße sehr heiß wurden, kamen total in Mode.
Der gemeine Arbeiter und seine Frau wollten natürlich auch Fußwannen, hatten aber kein Geld dafür - es gab Revolution, dann kam der Krieg.
Insgesamt blieb nichts mehr wie es war.
Heutzutage kann man sich das alles nur noch schwer vorstellen, zu selbstverständlich erscheinen uns die Errungenschaften der Moderne.
Auch der Erfinder der heutigen Matratze geriet schon zu Lebzeiten in Vergessenheit, über ihn gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt.
So geht es eben zu auf der Welt, die einen kommen, die anderen gehen (jek).
– von Uwe Reinhard