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Montag, 18.02.2008
Jimi Berlin
hallo! Tagebuch (68)
»Das JUZ-Gefühl-Monster«

Foto: Uwe Reinhard
Immer an Vollmond erwacht es in mir: das JUZ-Gefühl-Monster.
Ohne dass ich etwas dagegen tun kann, übernimmt es die Kontrolle über mein Denken und Sein.
Willenlos wie eine Marionette streife ich ein Bandnamenshirt über meinen kleinen lustigen Bierbauch, ziehe eine Totenkopfunterhose, kaputte Jeans und einen Kapuzenpulli an und steige in 100 Kilogramm schwere Dr. Martens.
Dann gehe ich aus dem Haus - im Rucksack ein paar CDs von meinen Lieblingsbands.
Ich bin nicht alleine.
Unten auf der Straße warten schon die anderen JUZ-Gefühl-Monster-Besessenen.
Wir versammeln uns um eine Kiste Billigbier, trinken schweigend und verziehen keine Miene - wir vom JUZ sind nämlich alle cool.
Vom Vollmond herab befiehlt eine kieksige Stimme, die sich anhört wie James Hetfield auf Helium: »In Openairkonzertpinkelreihe aufstellen und LOS!«, dazu weist uns ein grüner NOTAUSGANG-Pfeil am Himmel den Weg.
Wir ziehen mit offenem Hosenstall hintereinander her wie superdoofe Lemminge, nur nicht so puschelig, und gelangen in einen gleißend hellen Raum mit Plastikstühlen und einem durchgesessenen Sofa in der hintersten Ecke.
An der Bar am Eingang versucht ein zombieblasser Zivildienstleistender mit Hornbrille und Nasenpiercing weinend aber erfolglos, seinen Kopf aus dem klebrigen Belag auf der Theke zu befreien.
Auf der Bühne spielt eine Punkrockband Reißverschluss-Geräusche nach.
Es riecht nach Pipi und altem Bier. Trotzdem fühlen wir uns sauwohl und finden den Laden insgesamt super, können uns aber nicht darüber unterhalten, weil es so laut ist.
Ein paar ältere juzgefühl-monsterbesessene Frauen, die sich wie Mädchen angezogen haben, tauchen kreischend auf, küssen sich auf die Wange und fangen an zu tuscheln oder gehen aufs Klo.
Wir Jungs suchen uns eine Wand, an die wir uns lehnen können und rauchen wie besessen.
Tatsächlich sind wir es ja auch.
Vom JUZ-Gefühl-Monster.
Die Band hört auf zu spielen und das JUZ-Gefühl-Monster zwingt uns, unsere Lieblings-CD’s aufzulegen und darüber zu streiten, wer die beste Band der Welt ist.
Danach kriegen wir unheimlich Lust auf Kickerspielen, der Zivizomibiejunge findet aber die Bälle nicht.
Inzwischen sind die Mädchen zurück vom Klo, bestellen Cola und Wodkaredbull und lecken anzüglich über ihre Lippen.
Wir Jungs rauchen angeberisch eine Fluppe nach der anderen und fangen an, uns herumzustupsen, bis wir bemerken, dass die Ableckerei nichts mit uns, sondern mit dem neuen Erdbeerlabello zu tun hat.
Als wäre nichts passiert, lehnen wir uns wieder extracool an die Wand.
Komischerweise taucht jetzt ausgerechnet Peter Maffay auf, obwohl im JUZ eigentlich eher Mike Ness oder Hank von Helvete, der »Turbonegro«-Sänger, passender wären.
Auf jeden Fall steigen wir alle zu Peter in einen alten VW Golf und werden Opfer eines schrecklichen Diskounfalls.
Nächsten Vollmond fängt dann alles wieder von vorne an.
Bis dann.
– von Uwe Reinhard