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Freitag, 26.10.2007
Jimi Berlin
hallo! Tagebuch (66)
»Terrorgruppe Jesuskind«
Jimi Berlin;hallo! Tagebuch (66)
Immer wenn die Weihnachtszeit naht, fällt sie mir wieder ein, die Terrorgruppe Jesuskind.

Jürgen, Rudi, Wolfgang und ich. Ziel: Zerstörung aller Weihnachtsmarkttannenbäume als Mahnung gegen den Konsumterror.

Den voraussichtlichen Sturz der damaligen Regierung mit dem dicken Kohl würden wir wohlwollend in Kauf nehmen, hatten es aber nicht unbedingt darauf abgesehen.

»Und vor allen Dingen«, warf Jürgen ein, »nur Tannenbäume! Keine Menschen gefährden!«

Wir saßen zusammen in der WG-Küche und brachten die Logistik zu Papier.

»Wir brauchen Dynamit«, sagte Rudi, der gerade seinen Zivildienst bei »Essen auf Rädern« machte, was ihn aber nicht davon abhielt, Bajonette zu sammeln und Rommels Afrika-Feldzug mit selbst bemalten Soldatenfiguren und Miniaturpanzern auf einer alten Tischtennisplatte nachzuspielen.

Dynamit wäre cool, nickten die anderen, aber keiner wusste, wie und wo man es besorgen konnte. Zur Entschuldigung unserer pappedoofen Möchtegernrebellenrunde muss ich an dieser Stelle anführen, dass wir ziemlich hackedicht und auch sonst nicht die Hellsten waren.

Dynamit kam mir persönlich auch reichlich übertrieben und zudem gefährlich vor, denn bei einer Folge von »Unsere kleine Farm« hatte ich gesehen, wie einem unachtsamen Steinbrucharbeiter der Arm von einer Sprengladung abgerissen wurde.

Michael Landon hatte ziemlich viel geweint deswegen.

Auch sonst war ich eher auf Peace und Nächstenliebe gepolt, vielleicht weil ich noch unter dem Eindruck meiner erst kürzlich erfolgten Gewissensprüfung stand.

Gewissensprüfungen waren mündliche Verhandlungen für Wehrdienstverweigerer vor einem dreiköpfigen Gremium, dem man seine pazifistischen Beweggründe plausibel zu machen hatte, um den Zivildienst antreten zu können.

Ich wollte offiziell aus moralisch-ethischen Gründen nicht zur Bundeswehr, aber eigentlich hatte ich nur keine Lust, mit mir unbekannten Personen, die vielleicht Schweißfüße hatten, gemeinsam in einer tristen Unterkunft zu nächtigen; außerdem ließ ich mich nicht gerne anbrüllen.

In der Verhandlung wurde die Frage aufgeworfen, was ich tun würde, wenn »die Russen« (die damals noch sehr böse waren und deren Lebensinhalt darin bestand, bis an die Zähne bewaffnet in ihren Panzern an der DDR-Grenze auf den Invasionsbefehl zu warten) vor meinem Elternhaus stünden, um meine Mutter zu vergewaltigen, während ich, dem Zufall sei Dank, eine Pistole zur Hand hätte.

»Würden sie dann schießen oder nicht?«
»Wir haben kein Haus«, sagte ich wahrheitsgemäß.
»Angenommen, sie hätten eins.«
»Dann würde mein Vater das regeln, der hast schon mal einen verhauen und wäre auch gerne zum Bund, konnte aber nicht.«

Die Mienen der Gewissensprüfer wurden etwas sauertöpfisch.

»Ihr Vater ist nicht da!«, bellte schließlich einer, der seit der HJ die Frisur nicht mehr gewechselt hatte.
»Ich weiß gar nicht, wie eine Pistole funktioniert«, wand ich mich heraus, kriegte aber immer noch keinen Applaus.
»Dann eben ein Messer«, presste die HJ-Frisur hervor.
»Wahrscheinlich wüsste ich überhaupt nicht, was die Russen von meiner Mutter wollen«, sagte ich nach einigem Überlegen.

»Ich kann kein Russisch, meine Mutter auch nicht und die Russen wahrscheinlich kein Deutsch. Vielleicht wäre denen das dann irgendwann peinlich. Meine Mutter ist auch schon etwas älter«, bemerkte ich abschließend und dass ich sie mir auch sonst schlecht als attraktives Vergewaltigungsziel vorstellen könne. Der Kopf der HJ-Frisur verfärbte sich mittlerweile ins Hochrote und sein Nebenmann meinte, ich sollte nicht glauben, ich könne sie für blöd verkaufen.

Letztendlich wurde ich nicht als Verweigerer anerkannt, behauptete aber bei meiner Nachmusterung, homosexuell zu sein und kam so schließlich doch noch zum Zivildienst. Schwule, die bekanntermaßen immer nur ans Männerpopo-Pimpern denken, ähnlich wie der Russe ständig schussbereit ist, wollte man nicht in der Bundeswehr.

Ein gewisser Hr. Kießling, hoch dekorierter General und Vertrauter des damaligen Verteidigungsministers, hatte zu jener Zeit wegen seiner angeblichen Homosexualität gar den Abschied nehmen müssen.

»Besser ein kalter Riesling, als ein warmer Kießling«, witzelte damals der gemeine Soldat.

Nun ja, ich schweife ab.

Wie gesagt, wir saßen in der Küche und erörterten das Dynamitproblem, bis Wolfgang auf die Idee kam, den Baum einfach umzusägen, was ihm seitdem in unserer Runde den Ruf des Intellektuellen einbrachte. »Jetzt brauchen wir nur noch ein Bekennerschreiben!«, rief Jürgen begeistert.

»Und ein schickes Logo«, gab der intellektuelle Wolfgang zu bedenken, »wie die RAF.«

Euphorisiert durch das rasche Vorankommen unserer Terrorzelle kifften wir erstmal ordentlich, was das Unternehmen aber jäh zum Erliegen brachte.

So fanden wir uns am nächsten Abend ohne Bekennerschreiben und Logo auf dem Weihnachtsmarkt ein. Die Kirchturmuhr schlug Mitternacht.

An Werkzeug hatten wir ein Schweizer Taschenmesser und zwei Laubsägen aufgetrieben, größere Sägen hatten wir nicht besorgen können, weil der Baumarkt an Heiligabend geschlossen war.

Die ganze Sache war zum Scheitern verurteilt - das dämmerte uns spätestens, seit wir vor dem Baumarkt gestanden hatten und wurde uns vollends klar, als wir die immensen Umrisse des Weihnachtsmarktbaums betrachteten - aber unser jugendlicher Stolz gebot uns, das Gesicht voreinander zu wahren und die Sache durchzuziehen.

»Es sind noch Leute da«, bemerkte Rudi und wies auf ein Pärchen, das eilig den Weihnachtsmarkt überquerte.

»Menschen dürfen nicht zu Schaden kommen«, murmelte Jürgen. Wir anderen nickten zustimmend. »Ist auch ganz schön kalt«, gab ich zu bedenken.

Mahnend ertönte in der Ferne das Tatütata einer Polizeisirene und gab unserer rebellischen Fassade den Rest.

Eiligen Schrittes verzog sich die Terrorgruppe Jesuskind, eine Wolke schob sich gnädiger Weise vor den Mond und ließ unsere bedröppelten Losergestalten in der Dunkelheit verschwinden.

Nicht auszudenken, was für einen Lauf die Geschichte der Weihnachtsmärkte, und vielleicht sogar die der BRD, genommen hätte, wären wir ans Ziel gekommen - kaum anzunehmen, dass der dicke Kohl die Sache so unbeschadet überstanden hätte, wie weiland Schmidt die RAF-Geschichte.

Wahrscheinlich gäbe es heute noch die DDR, zugeparkt mit Panzern voller Russen, allzeit vergewaltigungsbereit und immer auf der Suche nach Häusern mit unscharfen Müttern und pistolenbewehrten Zivildienstleistenden.
– von Uwe Reinhard
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