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Mittwoch, 17.11.2010
Jürgen Becker
Eine kabarettistische Götterspeise
Bereits seit Wochen war der Große Saal der Tufa für den gestrigen Dienstagabend restlos ausverkauft. Wenig verwunderlich, denn es hatte sich kein geringerer angekündigt als Jürgen Becker, der das Trierer Publikum dann auch nicht enttäuschte. Vielmehr bot der 51jährige Kölner den Zuschauern einen glanzvollen Kabarett-Abend, indem er mit seinem aktuellen Programm "Ja, was glauben Sie denn?" den großen Weltreligionen ordentlich die Leviten las.
Jürgen Becker; Eine kabarettistische Götterspeise
Foto: Johannes Friedrich


Trier. Was Kabarett hierzulande nach wie vor so ungemein erfolgreich macht, ist die urdeutsche Empfindung, dass es verwegen sei, über die Herrschenden zu lachen. Anders als das auf Comedybühnen übliche schallende Gackern dominiert im Kabarett jenes gedrosselte "Ich-Bin-Ein-Intellektueller"-Lachen, welches sich akustisch normalerweise als "Hohoho" bemerkbar macht. Es ist dieses Geräusch des schleimenden Strebers, mit dem der "Hohoho"-prustende Kabarettbesucher seinem Umfeld mitteilen möchte, dass er die Pointe nicht nur verstanden hat, sondern sich überdies mit dem rotzfrechen Vortragenden identifiziert: "Dass der sich traut, sowas zu sagen! Und dass ich mich traue, darüber auch noch zu lachen!"

Wenn die Religion – wie bei Jürgen Becker – zum Kabarett-Gegenstand avanciert, ist die "Hohoho"-Dichte traditionell besonders groß, weil Gottesfürchtige sich aufgrund des ominösen Totschlag-Verweises auf verletzte religiöse Gefühle auch heute noch eher selten öffentlicher Kritik aussetzen müssen. Mit Becker-Sprüchen wie "Eigentlich ist der biblische Gott doch ein ziemlich unsympathisches Arschloch", "Der Monotheismus ist ein Hitzeschaden der Religionsgeschichte" oder "Wenn Jesus heute leben würde, dann sähe er aus wie Jassir Arafat oder Osama bin Laden" lassen sich Christen noch immer schockieren, gerade in einer erzkatholischen Stadt wie Trier.

Doch hat der "Kölsche Jung" natürlich noch viel mehr auf Lager als pointierte Charakterisierungen. Ein mit Narrenkappe behüteter Schädel, der angeblich vom Großdichter Friedrich Schiller stammt, bringt ihn zur Evolution. Charles Darwin hätte für seine Erkenntnisse demnach Europa gar nicht erst verlassen müssen: "Evolutionstechnisch ist der Mensch eigentlich Rheinländer: Er kann nix, traut sich aber alles zu." Selbst in den wenigen Ausflügen in die Niederungen der Politik schafft er es, schnell wieder bei seinem Lieblingsthema zu landen: "Sarah Palin ist doch das, was rauskommt, wenn man Eva Herman mit Kardinal Meisner kreuzt."

Negativ wirkt hingegen, dass der Islam bei Becker viel zu gut wegkommt, denn zu diesem in Zeiten blanker Islamophobie sehr sensiblen Thema fällt ihm kaum mehr ein, als den Charakter des Propheten Mohammed als polygamer Lebemann zu preisen. Was leider völlig ausbleibt, ist eine satirische Auseinandersetzung mit der oft menschenverachtenden Moral nicht weniger praktizierender Moslems – die aber bitter nötig wäre.

Nicht-Gläubige und Sekten bekommen jedoch glücklicherweise ihr Fett weg ("Wenn man einen Atheisten und einen Zeugen Jehovas kreuzt, dann kommt jemand heraus, der völlig sinnlos an Ihrer Haustür klingelt") und auch die Juden dürfen nicht fehlen: "Drei orthodoxe Juden gehen durch New York und haben tierischen Kohldampf, aber kein Geld dabei. Da gehen sie an einer Kirche vorbei, vor der ein Schild steht mit der Aufschrift: Wenn Sie Christ werden, bekommen Sie einhundert Dollar! Einer von dreien geht zielstrebig in die Kirche hinein, die anderen warten. Als er wieder rauskommt, fragen sie ihn: Und, hast du die hundert Dollar? Da antwortet er: Das mag ich nicht an euch Juden, dass ihr immer zuerst ans Geld denkt!"

Durchaus originell ist Beckers Theorie, warum die Religion seit jeher eine so große Faszination auf die Menschen ausübt, obwohl sie rein objektiv überwiegend Krieg, Elend und Tod in die Welt gebracht hat: "Das ist ganz einfach: Die Bibel steckt voller Sex und Crime, dagegen ist Wissenschaft viel zu trocken! Wenn ich Ihnen jetzt einen Vortrag über Halbleitertechnik halte, dann bleiben zwei hier und alles anderen hauen ab. Wenn ich Ihnen dagegen erzähle, dass meine Nachbarin in Köln-Bayenthal ein Verhältnis mit dem Oberbürgermeister von Trier hat, dann bleiben alle hier und wollen wissen, was los ist!"

Keine Frage: Jürgen Becker entlarvt die Religion als das, was sie ihrem Wesen nach ist: "Opium des Volkes" (Karl Marx). Es ist aber weniger seine Absicht, die auch im 21. Jahrhundert gefährlich große Macht der christlichen und islamischen Würdenträger anzuprangern, als vielmehr augenzwinkernd auf die zahlreichen Widersprüche und damit die allzu menschlichen Seiten des Glaubens hinzuweisen.

So auch in seinem Schlusspunkt: Bevor er dem Publikum frisch gezapftes Kölsch aus mehreren "Pittermännchen" (kleine Kölsch-Fässer) serviert, faltet er die Hände wie zum Gebet und erzählt eine kleine Geschichte, mit der der säkulare Katholizismus der Gegenwart perfekt auf den Punkt gebracht wird: "Tünnes geht nachts mit einem Gebetbuch über die Rheinbrücke. Schäl macht sich Sorgen: Der wird sich doch wohl nix antun? Tünnes, wo gehst du hin? – Ich geh in den Puff! – Und warum hast du dann das Gebetbuch dabei? – Vielleicht bleib ich ja über Sonntag!"

Info: Wer den Auftritt von Jürgen Becker verpasst oder keine Karten mehr bekommen hat, der muss in nächster Zeit auf Kleinkunst in der Tufa nicht verzichten. Am morgigen Donnerstag, 18. November, gastiert etwa die "Berliner Compagnie" mit dem Stück "Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch" im Großen Saal. Am Samstag, 20. November, kommt die britische Wave-Musikerin Anne Clark in die Tuchfabrik. Auch im Rahmen der Spaß.Gesellschafts.Abende werden zwischen Montag, 22. November, und Dienstag, 30. November, mehrere namhafte Künster der Tufa einen Besuch abstatten (ks).

– von Christian Baron