Diesen Beitrag Freunden weiterempfehlenDruckansicht öffnenBookmark and Share
Dienstag, 04.10.2011
Wir gehen einen trinken mit…Andreas "Jimmy" Feichtner
"Nie wieder Summer of 69"
Am Freitag, 4. November 2011, stellt die Trierer Band "My First Robot" um 20:00 Uhr im Casino am Kornmarkt ihr Debütalbum "Earth Calls" vor. Im Vorfeld ging die hunderttausend.de-Redaktion mit Sänger und Gitarrist Andreas "Jimmy" Feichtner im von ihm geschätzten Citrus Café ein paar Biere trinken. Der Musiker und Journalist über unrühmliche Kapitel seiner Musikervergangenheit, die Sympathie mit dem 1. FC Köln und den besonderen Weg, wie die Band ihr Debütalbum finanziert hat.
Wir gehen einen trinken mit…Andreas "Jimmy" Feichtner;"Nie wieder Summer of 69"
Foto: Kathrin Schug
Trier. Im Vorfeld versicherte er, dass er das Format kenne, möge und deshalb natürlich gerne als Gesprächspartner zur Verfügung stehe. Verwundert zeigte er sich einzig darüber, "dass niemand das mit dem Trinken im Titel so richtig ernst nimmt". Dass Andreas Feichtner diesen Punkt anders handhaben möchte, verwundert nicht. Als Journalist und Musiker gehört er gleich zwei Berufsgruppen an, die nicht unbedingt für ihren zimperlichen Umgang mit Alkohol bekannt sind.

Im Citrus Café, wo vier HD-Bildschirme einen verhältnismäßig kleinen Raum dominieren, ist Andreas Feichtner quasi von Amts wegen heimisch geworden: Als Sportreporter braucht man eine gute Sportsbar in der Nachbarschaft. Er schätzt vor allem das Ambiente des Citrus Café. Unter der Ägide von Inhaber und Thekenchef Johnny, der mit seiner charakteristischen Silberlocke auch über die Grenzen von Trier-Süd hinaus bekannt ist, finden nicht nur Fußballfans, sondern auch durstige Nachtschwärmer zusammen. Besonders reizvoll ist die Kneipe mit den großzügigen Öffnungszeiten und unterdurchschnittlichen Preisen für Feichtner aber wegen eines bestimmten Gebrauchsgegenstandes: Seit einigen Monaten bereichert ein Kickertisch das Interieur, der – nach einhelliger Meinung – die Qualität des Simplicissimus-Kickers in den Schatten stellt. "Besonders angenehm ist aber, dass man hier noch nicht auf die Hardcore-Spieler mit Handschuhen und Stangenbiegen trifft", sagt Feichtner, der erst vor zwei Jahren mit dem Tischfußball anfing, mit selbstorganisierten Turnieren und echter Spielfreude die verlorenen Jahre aber wett macht.

Andreas Feichtner, der seit der Oberstufe meist nur mit seinem Spitznamen Jimmy (eine unbescheidene Reminiszenz der Mitschüler an Jimi Hendrix) gerufen wird, ist ein waschechter Trierer, auch, wenn man das nicht hört. Aufgewachsen ist er in Euren und seit einem Jahr zufriedener Trier-Süd-Bewohner. "Wirklich weg wollte ich nie", erzählt er während des ersten Biers. "Für mich ist Trier eine Stadt mit Lebensqualität und ich fühle mich ausgesprochen wohl". Berlin? Hamburg? Die Städte, in die es junge Medienmenschen heute in Scharen zieht, sind wenig reizvoll für den Journalisten. "Aber vielleicht zieht es mich irgendwann zurück nach Euren", lacht er.

Der heute 37-Jährige (von dem manche behaupten, er sähe immer noch aus wie ein Teenager in seinen besten Jahren) studierte in den Neunzigerjahren Anglistik und Germanistik an der Universität Trier. Noch in dieser Zeit begann er, für den Trierischen Volksfreund zu schreiben. Zunächst als Sportreporter berichtete er für die heimische Leserschaft über die Heimspiele des 1. FC Köln. Der Verein schaffte es, während seiner Tätigkeit kein einziges Heimspiel für sich zu entscheiden – und der Sportreporter entdeckte sein Herz für den chronischen Verlierer, das noch heute "zumindest sympathisierend" schlägt. Nach seinem Abschluss heuerte er 2001 als Volontär bei der Zeitung an, obwohl Journalismus nicht immer sein Berufswunsch gewesen war. "Früher wollte ich gerne Schriftsteller werden", erzählt er beim zweiten Bier. "Über so lange Zeit an einem einzigen Projekt wie einem Buch zu arbeiten, schreckt mich aber ab. Ich brauche die Fristsetzung, ohne Deadline kann ich nicht arbeiten". Zumindest als "Schriftsteller light" schreibt er bis heute über Sport, Kultur und Musik – und ist dankbar, dass bei seiner Zeitung auch das ressortübergreifende Arbeiten möglich ist.

Früher als der Journalismus trat aber noch eine andere Tätigkeit in sein Leben, die bis heute mehr als ein Hobby ist. Mit fünfzehn Jahren machte er erste Gehversuche als Gitarrist. Danach folgte das komplette Programm: die erste Band mit Schulkameraden, Auftritte auf Oberstufenfesten, Verstärker schleppen. Den künstlerischen Tiefpunkt nimmt in seinen Erinnerungen ein Auftritt im Rahmen des Trierer Altstadtfestes ein, "bezeichnenderweise am Pranger", wie er sich erinnert. Unter anderem stand Bryan Adams' – schon damals zu Tode gecovertes – "Summer of 69" auf der Setlist. "Damals hat es in dieser Konstellation dazu gehört, diese Lieder zu spielen – aber nie wieder", wehrt er vehement ab. Im damals noch nahegelegenen Lebensmitteldiscounter deckte der Teenager sich mit Bierdosen ein, irgendwann ergab das eine das andere. Von der Bühne gefallen sei er nur deshalb nicht, weil es keine gab. "Bis heute ist das der einzige Auftritt, den meine Eltern gesehen haben", gibt er ein wenig zerknirscht zu, "und stolz bin ich darauf nicht".

Mit den Jahren aber wurden die musikalischen Ambitionen ernster und die Projekte professioneller. Gemeinsam mit seinem Bruder Stefan, Arbeitskollege Christian Kremer und Ivan Beres, dem tatkräftigen Mann fürs Elektronische, hat Feichtner sich zur Band My First Robot zusammengeschlossen, die so weit von Bryan-Adams-Covern entfernt sind, wie man sich das nur vorstellen kann. Mit ihrem elektronisch beeinflussten Alternative Rock haben sie sich nicht nur im Raum Trier, sondern auch weit darüber hinaus Renommée und Sympathien erspielt.

In Beres' Heimat Ungarn haben sie in diesem Jahr ihr Debüt-Album aufgenommen. Die finanziellen Mittel trugen sie über die Crowdfunding-Plattform "Sell a Band" zusammen – und sind damit erst die zweite Band in Deutschland, die es überhaupt geschafft hat, eine Finanzierung auf diesem Weg zu stemmen. Einzelpersonen, die von der Musik überzeugt sind, können dort vorab einen Betrag spenden und sich damit ein Exemplar der später erscheinenden CD sichern. My First Robot war durch die vielen Einzelspenden in der komfortablen Lage, mit finanzieller Sicherheit in die Produktion einzusteigen. "Außerdem ist das ein ganz enormer Motivationsschub, weil du so viele Leute im Rücken hast, die erwarten, dass jetzt auch was kommt", sagt Feichtner, der auch in diesem Fall Gefallen an dem sanften Druck der Abgabefrist findet.

Das Ergebnis dieser Schaffensphase in einem Budapester Studio wird am 4. November im Casino am Kornmarkt präsentiert, dann findet das Release-Konzert zum Debütalbum "Earth Calls" statt. In Feichtners Augen stehen die Chancen auch nicht schlecht, dass die Eltern ihrem Sohn die Chance zur bühnentechnischen Rehabilitierung geben. Dass sie positiv überrascht sein würden, darf als sicher gelten (chb).
– von Kathrin Schug