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Mittwoch, 24.02.2010
»Der Freischütz / Le Freyschütz«
Verstand und Gefühl
Statt banaler Jägerromantik mit okkultem Brimborium, setzt die Trierer Inszenierung des »Freischütz« von Carl Maria von Weber mit den Rezitativen von Hector Berlioz auf ein durchdachtes Konzept und eröffnet neue Perspektiven.
Foto: Theater Trier
Trier. Zweifellos spielt der Wald im »Freischütz« eine gewichtige Rolle. Schon in der Ouvertüre spürt man dessen freundliche Geborgenheit, aber auch eine dunkle und bedrohliche Stimmung, im Bühnenbild dargestellt durch die Farben Grün und Rot.
Damit haben Regisseur Lutz Schwarz und die Bühnenbildnerin Kerstin Laube das nutzbare Farbspektrum merklich sparsam eingesetzt. So reduzieren sie die Wände auf der Bühne auf eine fotografische Projektionsfläche, die allein den Zweck verfolgt, dem Publikum die Stimmung der Szenerie durch ein bedrohlich wirkendes Rot oder ein beruhigendes Grün zu signalisieren.
In der unheimlichen Wolfsschluchtszene sind die Wände lediglich in tiefes Rot getaucht. Das genügt, um der Szenerie einen gespenstischen Anstrich zu verleihen. Verortet in die Zeit des Vormärz, finden die politischen Ereignisse der Zeit aber hauptsächlich im Farbkonzept der Ausstattung ihren Ausdruck. Schwarz, Rot und Gold sind auch die Farben der aufständischen Freischärler.
Doch deren Traum von einer modernen deutschen Nation mit demokratischer Verfassung, wird vorerst nur ein Traum bleiben. Am Ende fällt der Wald aus Stoff zu Boden und übrig bleibt das Metallgerüst, das die übrige verkrustete Gesellschaft wie ein Gefängnis umschließt.
Schwierige Arien gut gemeistert
Die Oper lebt von den charakteristischen Gegensätzen Gut und Böse, die kooperieren und wie ein feines Netz die Beziehungen der Protagonisten untereinander bestimmen. Nicht Taten und Fakten, sondern Gefühl, Traum und Fiktion bilden den Rahmen des Geschehens auf der Bühne.
Das stellt hohe Anforderungen an die Assoziationsbereitschaft der Zuschauer. Dem tragen die synästhetische und romantische Musik Carl Maria von Webers wie auch die einfühlsam eingebundenen Rezitative von Hector Berlioz ausdrucksvoll Rechnung.
Mit der Suggestionskraft der Musik kann die Inszenierung durchaus mithalten. Dafür leidet das inhaltliche Verständnis streckenweise darunter, dass der undeutliche Gesang den Zuschauern erschwert, dem Inhalt der Oper zu folgen. Die Anforderungen an die Hauptpartien sind anspruchsvoll. In schwierigen Arien, von allen Darstellern gut gemeistert, spiegelt sich die komplizierte Gefühlswelt der Protagonisten wider.
Der hervorragende Chor und Extrachor bedienen die populistische Seite der Oper. Sie rekrutieren sich aus den sogenannten kleinen Leuten: Dorfbewohnern, Jägern und Brautjungfern. Ihre einfachen Lieder und Gesänge (Jungfernkranz und Jägerchor) laden noch immer zum Mitsummen ein. Besonders die vier attraktiven Brautjungfern flechten einen locker-flockigen »Jungfernkranz«, der sich allerdings als Totenkranz entpuppt.
Die Mehrbödigkeit der Handlung ist ein zentrales Motiv der Inszenierung. Nichts ist so wie es nach außen hin scheint. Über allem schwebt ein riesiges Auge, das die diversen Außen- und Innenwelten überwacht. Das kulminiert in der Doppelrolle Samiel/Kilian (Peter Koppelmann).
Feinsinnig eingestelltes Orchester
Das Böse kann auch ein harmloser Jägerbursche sein. Allen anderen ist eine eindeutigere Rolle zugewiesen. Max (Michael Suttner) liefert von Beginn an das Bild eines Verlierers. Zweifel und Ängste plagen ihn. Trotz der feschen Uniform des schwarzen Jägerkorps (Kostüme: Carola Vollath), ist er kein strahlender Heldentenor. Gequält und gepresst singt er sich ins Verderben.
Ganz anders dagegen der draufgängerische Kaspar (Alexander Traut). Er ist ein Musterexemplar seiner Zunft. Kraftvoll und extrovertiert zeigt er seine faustische Seele, die sich für einen Pakt mit dem Teufel nicht zu schade ist. Agathe (Vera Wenkert) in zartem, gelben Kleid, verkörpert Reinheit und Gefühl. Dank der Variabilität ihrer Stimme gelingt es Vera Wenkert auch in den lyrischen Passagen, ihren kraftvollen Sopran auf ein angenehmes Timbre zu drosseln. Da wischt man sich schon mal verstohlen eine Träne von der Wange.
Ännchen (Evelyn Czesla), passend zu ihrem koketten Charakter in aufregendem Rot, ist das optimistische Element des Quartetts. Im Laufe des Stücks gewinnen Figur und Stimme zunehmend an Souveränität und bilden den kessen Kontrast zur extrovertierten Agathe. Die übrigen Ensemblemitglieder überzeugen in allen Partien, wenn auch die Charaktere des Eremiten (Pawel Czekela) und des Fürsten Ottokar (Francis Bouyer) etwas nebensächlich ausfallen.
Dirigent Valtterie Rauhalammi entlockt dem feinsinnig eingestellten Orchester ganz neue Seiten. Das lässt in seinem Spiel an Farbigkeit und Dynamik nichts zu wünschen übrig. Eine intelligente Inszenierung, die am Ende für viel Beifall sorgte.
– von Hanne Krier