Gerhard Weber inszeniert am Theater Trier eine sinnliche und leicht zugängliche Version von Charles Gounods erfolgreichem Opernklassiker.
Trier. Zu »wagnerisch«, so lautete das Urteil zeitgenössischer Kritiker über Gounods Musik. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts nicht unbedingt ein Kompliment. Dennoch überzeugten lyrischer Stil, melodischer Einfallsreichtum und die Sinnlichkeit der Musik und verhalfen seiner Opernversion des »Faust« schnell zu großer Popularität.
Aus Respekt vor Goethe nannte man das Werk in Deutschland »Margarethe«, zumal der große Genius einer Vertonung seines Stücks äußerst skeptisch gegenüberstand.
Sündige Verfehlung, göttliche Vergebung
Gleichgültig, ob »Faust« oder »Margarethe«, die Story bleibt immer die gleiche.
Im Gegensatz zu Goethes intellektuellem Faust rückte Gounod Margarethes Gefühlswelt in den Fokus der Handlung. Der tiefreligiöse Komponist zeichnete ein eindrucksvolles Bild ihrer seelischen Konflikte, ihrem Streben nach göttlicher Vergebung nach der sündigen Verfehlung.
Ob sie diese allerdings erhält, lässt die Inszenierung offen. Lediglich ihr Ende unter einem riesigen Kreuz legt die Vermutung nahe.
Überhaupt ist das Kreuz an diesem Abend überaus präsent. Bedrohlich pendelt es schon in der Anfangsszene hinter dem lebensmüden alten Faust. In Miniaturversion dient es auch zur Teufelsabwehr. Doch der lässt sich durch dieses Hilfsmittel kaum beeindrucken.
László Lukács als Méphistophélès trotzt mit Vitalität und sardonischem Clark Gable – Grinsen erfolgreich jeder Gefahr. Zusammen mit Eva Maria Günschmann als Marthe würzt er den allzu moralisch keuschen Charakter der Oper mit Komik und Frivolität.
Auch wenn man Bühnenbild und Kostüme (Claude Stephan, Jean-Michel Angays, Stéphane Lavergne) mit Boulevard und Operette assoziiert, lässt doch die sensible und ausdrucksstarke Darstellung der Margarethe von Adréana Kraschewski keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Stücks. Sie und Francis Bouyer als ihr Bruder Valentin überzeugen sowohl stimmlich wie darstellerisch.
Schmaler Grat zwischen Kitsch und Kunst
Ihre Figuren zeigen Charakter und Profil und verleihen der Inszenierung ihre eindrucksvollsten Momente. Svetislav Stojanovics feinfühliger Faust ist das perfekte Pendant zum selbstbewußten Méphistophélès: ein schöner Tenor, dem man sowohl die Leidenschaftlichkeit des jungen, als auch die Lebensmüdigkeit seines alten Faust abnimmt. Der hervorragende Chor und Extrachor bringen Bewegung und Lebhaftigkeit in die recht statische Bildwelt. Für Herzwärme in kalter Winternacht sorgen die strahlenden Klangbilder des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Generalmusikdirektor Victor Puhl. Die charmanten französischen Melodien legen sich wie Balsam auf die grüblerische deutsche Seele und verzeihen der Aufführung die schmale Gratwanderung zwischen sentimentalem Kitsch und sensibler Kunst (ks).