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Donnerstag, 28.01.2010
THE DAD HORSE EXPERIENCE
Ein Banjo befreit von allen Ketten
Um ein Instrument zu lernen, ist man nie zu alt. Diese Erfahrung machte auch Dirk Otten alias Dad Horse Ottn, als er mit 39 Jahren zum Banjo griff. Das Instrument wurde für ihn zum Flaschenzug, um sich von seinem kriselnden Vorleben zu verabschieden. Seine musikalische Lebenshilfe präsentiert er am Samstag, den 6. Februar im Café Lübke.
Foto: Promo
WebTV (YouTube)
Trier. Ein Banjo hat nur vier Seiten. Das kam 1998 auch dem damaligen Bildkünstler Dirk Otten sehr entgegen, als er sich kurz vor seinem 40. Geburtstag entschloss, ein Instrument zu lernen. »Eine sechssaitige Gitarre war mir zu fizzelig, um nur ein paar Akkorde zu lernen«, berichtet er.
Sein Leben zuvor: Alles andere als geordnet. Bitter enttäuscht am Ende eines hoffnungsvollen Trips durch die Vereinigten Staaten zog es ihn zunächst zum Alkohol anstatt nach Hause. »Welche Pläne ich auch immer für diesen Trip hatte, alles endete am Boden eines Motel-Rooms in Mesa, Arizona.« Aus der alkoholischen Misere halfen ihm Treffen bei den Anonymen Alkoholikern. Die Gruppe, größtenteils mit Hopi-Indianern besetzt, gab dem tieftraurigen Mann schließlich auch seinen ersten Kosenamen »Sad Horse«.
Keine Gospel-Comedy
Das traurige Pferd kehrte zurück nach Europa, brachte sich bei, Banjo zu spielen und stellte nach langen Schlafzimmersessions fest, dass er Musik machen wollte. Gemeinsam mit einer Partnerin gründete er die DEAD HORSE COWBOYS. »Wir beide waren damals in dysfunktionalen Beziehungen, mussten aber das tote Pferd immer noch reiten«, erzählt Otten.
Solo auf Tour zu gehen, war für Dirk Otten spätestens dann die Option seiner Wahl, als er das Gefühl hatte, sein Instrument zu beherrschen. Seitdem ist der Liedermacher als THE DAD HORSE EXPERIENCE unter dem Namen Dad Horse Ottn auf Tour.
Das »Dad« ist der Geburt seines zweiten Kindes geschuldet, und die »Experience« den bitteren Erfahrungen seines bisherigen Lebens. Diese verarbeitet der Künstler in seinen Gospel-Songs. Auch wenn ob des Namens der Eindruck entstehen könnte, Dad Horse Ottn nehme mit seiner Musik den Gospel aufs Korn, stecken in seinen Texten erste Inhalte. »Dass sich die Leute amüsieren und vielleicht auch lachen, nehme ich billigend in Kauf und sehe es als Einfallstor für all die schlimmen Wahrheiten, die ich in Wirklichkeit versuche zu verbreiten.«
Musikalischer Befreiungsschlag
Dad Horse Ottn spielt Gospel in Country-Manier. Dabei verfolgt er zwar einen spirituellen, jedoch keinen religiösen Hintergrund. »Ich bin mehr an den Inhalten, als an der Form des Gospels interessiert.« Für ihn stellte sich die Frage, ob er als weißer Mitteleuropäer überhaupt eine Musik spielen dürfe, die im Allgemeinen mit in Ketten gelegten schwarzen Sklaven auf Baumwollfeldern verbunden wird.
Ottn sieht sich aber selbst als Person, die durch Ketten gefesselt ist, auch wenn er sich diese nach eigener Aussage selber angelegt hat: »Es sind Dinge wie eigenes Ego und Ängste, die uns letztendlich darin hindern, zu wachsen und frei zu werden.« Er selbst wertet seinen musikalischen Befreiungsschlag als erfolgreich, kann er doch sowohl finanziell, als auch spirituell davon leben. Und in der Tat: Seine größtenteils englischsprachige Musik kommt an. Seit zwei Jahren tourt er mit seinem Liedgut quer durch Deutschland, Italien, Spanien und Portugal.
Auch wenn er sich in naher Zukunft nicht von seinem beruflichen Zugpferd »Musik« verabschieden möchte, plant Ottn noch in diesem Jahr den Taxischein zu machen, um für die tourfreie Zeit ein zweites finanziellen Standbein zu haben. Das nächste Album ist aber schon in Planung und wird mit den gedachten Titeln »Be your own mum« oder »Water is the new beer« sicherlich ein neues spirituelles Erlebnis für den Musiker und seine Fans (ks).
– von Jens Kirschner