Etwas so Durchgeknalltes dürfte das Theater Trier bisher selten auf seinen Spielplan gehievt haben. Igor Bauersimas "Tattoo", das am vergangenen Mittwoch, den 16.05.2012, im Studio am Augustinerhof Premiere feierte, parodiert als temporeiche Kunstbetriebssatire den auf deutschen Bühnen meist allzu plump dargebotenen Gegensatz von Gut und Böse. Regisseur Michael Gubenko und seinem studentischen Ensemble von bühne 1 ist eine originelle Inszenierung gelungen, die zu Recht tosenden Beifall erntete.
Foto: Christopher Horne
Trier. In einer Welt, die nur noch ganz wenige wirkliche Tabus aufzubieten hat, ist es insbesondere in der Kunst schwer geworden, inhaltlich wahrgenommen zu werden, geschweige denn veritablen Wirbel auszulösen. Igor Bauersima merkt man das nicht an. Dem Schweizer Dramatiker, der vor allem durch sein Stück "norway.today" bekannt geworden ist, gelingt es, ein gesellschaftskritisches Stück nach dem anderen aus seiner Feder zu zaubern, das mit feiner Satire die großen und kleinen Mängel des menschlichen Daseins als kapitalistischem Subjekt zu sezieren. Eines seiner in dieser Hinsicht komplexesten Werke ist das gemeinsam mit Réjane Desvignes verfasste "Tattoo", mit dem sich Michael Gubenko und sein Team an ein ambitioniertes Projekt herantrauten.
Lea (Kim Henningsen) und Fred (Christoph Übelacker) sind vom konsum- und marktkritischen Idealismus in materiellem Entbehrungsreichtum gehaltene Künstler. Inmitten ihrer zwar konsequenten, aber eigentlich gänzlich unaufrichtigen Askese besucht sie Tiger (Ansgar Depping), ein alter Freund Leas, seines Zeichens ebenfalls Künstler - nur aufgrund seines entspannteren Verhältnisses zu Besitz und Geld wesentlich höher dotiert. Seinen Körper zieren zahlreiche Tattoos, auf die er so viel Wert legt wie Dagobert Duck auf jedes seiner Geldstücke. Im Überschwang der alkoholisierten Wiedersehensfreude verspricht Lea ihrem Compagnon, im Falle von dessen Ableben seinen leblosen Körper plastiniert zu hegen und zu pflegen. Es kommt, wie es kommen muss: Tiger stirbt bei einem Unfall und wird tags darauf von einem Bekannten an der Türschwelle abgestellt.
Gelungene Einfälle und Konzentration auf den Inhalt
Das Stück vermittelt durchaus eine Haltung, doch schlägt sich die Trierer Inszenierung an keiner Stelle eindeutig auf eine der beiden Seiten. Und genau darin liegt die große Stärke dieses Abends. Wäre die Textvorlage in reinster Regietheater-Manier inhaltlich verstümmelt worden, würde sie ihres kritischen Impetus' beraubt. Die vielen gelungenen Einfälle sind behutsam eingearbeitet. Beispielsweise lässt erst die Tatsache, dass Tiger nach seinem Tod als "Gespenst" weiterhin am Bühnenrand das Geschehen gestisch und mimisch kommentiert, die später sich entwickelnde Reihe von Überraschungen nachvollziehbar und vor allem verständlich erscheinen, in welcher sich zeigt, wie sehr alle Beteiligten nichts weiter als gesteuerte Figuren auf einem Schachbrett sind, bei denen Aufrichtigkeit und Heuchelei nahe beieinander liegen.
Tiger ist als einziger Protagonist völlig überzeichnet, und das hat seinen guten Grund. Stellt er doch den Dreh- und Angelpunkt dar in diesem Vexierspiel, bei dem sich der Aufrechte als Arschloch erweisen und der Widerling sich als Wohltäter enthüllen kann. Dem Bühnenbild hingegen ließe sich durchaus eine gewisse Einfallslosigkeit vorwerfen, denn hier sind keine innovativen Elemente auszumachen. Ganz abgesehen davon, dass die von der Universität Trier (das Theater Trier stiftete keinen Cent) bereitgestellten finanziellen Mittel für "bühne 1" bei weitem nicht auf dem Niveau üblicher Studioproduktionen angesiedelt sind und die Kritik am Bühnenbild daher ohnehin relativiert werden muss, eröffnet diese Zurückhaltung die Bühne aber auch als erquicklichen Raum für allerlei Imaginationen.
Denn glücklicherweise ist es nicht die szenische Äußerlichkeit, auf welcher der Schwerpunkt dieser Darbietung liegt. Mit dem Verzicht auf postmoderne Effekthascherei, auf pseudoprovokantes Penisfechten und inhaltsentleerte Videoinstallationen, ja auf all die vermeintlich avantgardistisch-tabubrechenden Elemente, auf die studentische Theatergruppen sonst so gern zurückgreifen, ist den mit Ausnahme Deppings noch reichlich unerfahrenen Darstellern viel Raum für die tiefgründige Interpretation ihrer vielschichtig konstruierten Charaktere gegeben.
Gesellschaftskritik ohne Moral
Da zeigt sich etwa, wie problematisch es für eine doch angeblich so liebeswürdige Person wie Lea ist, ein Versprechen einzuhalten. Auch Fred relativiert unfreiwillig sein vermeintlich gutes Gemüt, indem er sich auch über Tigers Tod hinaus aufgrund von Leas Bewunderung für den erfolgreichen Künstler als von Eifersucht zerfressen zeigt. Tigers Galeristin und Geliebte Naomi (Stefanie Blasi) wiederum entwickelt in ihrer scheinbar unendlichen Trauer ob des Ablebens ihres Herzbuben einen befremdlichen Hang zur Nekrophilie, der sich später als etwas ganz anderes offenbart: pure Geldgeilheit. So stiehlt sie den toten Körper und versucht, die Leiche zu verkaufen. Doch hat sie die Rechnung ohne Lea und Fred gemacht, die ihrerseits Naomi zu stoppen versuchen.
Was sich anschließend im letzten Teil des Stückes abspielt, ist ein ständiger Perspektivwechsel und eine Weigerung zur klaren Rollenverteilung von Helden und Schurken, die die Beständigkeit des Unbeständigen in der gesellschaftlichen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen mustergültig entlarven und die Kunst zur Metapher avancieren lassen: Nichts ist so, wie es scheint in einer Gesellschaft, die einerseits technisch auf dem höchsten Stand ihrer Geschichte ist, andererseits jedoch die Ur-Instinkte der Verfolgung des je eigenen Interesses gegen die Interessen aller anderen niemals wird abstellen können - und das, so vermittelt es das Stück dankenswerterweise, ist auch gut so (jf).