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Montag, 16.06.2008
Jimi Berlin
Hallo Tagebuch (71)
Im Wald röhrt ein Hirsch

Foto: Uwe Reinhard
Jeden ersten Freitag im Monat bilde ich mir eine Krankheit ein und gehe zum Arzt.
Rücken, Knochen im Bein oder Nasenpickel nach dem dreiundzwanzigsten Eierlikör.
Fr. Hühnerfeld und Hr. Lonien sind auch schon da.
Fr. Hühnerfeld hat einen künstlichen Darmausgang und außerdem Käsekräcker dabei und selbsteingelegte Gürkchen aus eigener Zucht.
Hr. Lonien packt Bierwurst am Stück sowie Löwensenf aus seiner Aktentasche.
Ich habe frisches Haferkornbrot mitgebracht und für jeden ein hartgekochtes Ei.
»Gott, ist das stickig hier«, sagt Fr. Hühnerfeld und wischt sich den Schweiß von der solariumgebräunten Stirn.
»Das ist wegen ihrem Darmausgang«, witzle ich, aber Fr. Hühnerfeld findet das gar nicht witzig.
»Das finde ich gar nicht witzig«, sagt sie deswegen.
Zur Entschuldigung mache ich ihr ein Eierbrot.
Nach dem Essen gibt es Schnaps, den Hr. Lonien für alle Fälle immer in der Aktentasche mit sich führt.
»Hr. Lonien, Hr. Lonien«, kokettiert Fr. Hühnerfeld schmunzelnd mit tadelnd erhobenem Zeigefinger.
»Für alle Fälle«, entgegnet Hr. Lonien verschmitzt.
Dann brüten wir vor uns hin, bis uns die Stimme von Arzthelferin Claudia, die unter den Achseln immer so schwitzt, aus der Lethargie reißt.
»FRAU HÜHNERFELD BITTE!«
»Du liebe Güte«, sagt Fr. Hühnerfeld, ordnet ihre Haarfrisur und rauscht aus dem Wartezimmer.
In der Arztpraxis sind die Wände sehr dünn, deswegen werden Hr. Lonien und ich in den darauf folgenden Minuten bestens darüber informiert, was es mit dem weißlichen Belag in Fr. Hühnerfelds Leistenregion auf sich hat.
»Das ist Pilz«, sagt der Doktor.
»Den kriegen sie von sich aus. Der ist auf ihrer Haut und kommt raus, wenn sie zum Beispiel viel schwitzen. Tragen sie Nylonhosen?«
»Mnchml, abr ncht immr«, nuschelt Fr. Hühnerfeld, wohl peinlich berührt.
»BAUMWOLLE IST BESSER«, schreit der Doktor. »Mit Salbe geht das weg.«
Wenige Augenblicke später erscheint Fr. Hühnerfeld bedröppelt im Wartezimmer.
»Schnaps?«, fragt Hr. Lonien aufmunternd in die Runde und schenkt für alle Fälle ein.
»Wnns sn mss«, flüstert Fr. Hühnerfeld geknickt.
»HAST DU SCHON MAL SO WAS EKLIGES GESEHEN?!«, kreischt da die schwitzige Claudia hysterisch von nebenan.
»NUR BEI WOLLWORT, FÜR ´N EURO!«, jauchzt der Herr Doktor.
»NYLONUNTERBUXE! ICH FASS ES NICHT!!«, feixen die beiden sodann im Chor.
Fr. Hühnerfeld ist natürlich am Boden zerstört.
»Mit meiner Rente kann ich mir eben keine Baumwolle leisten«, flüstert sie betreten.
Tröstend hauen wir ihr mit Frauenillustrierten auf den Kopf, die hier zuhauf ausliegen.
»Damit Sie nicht handscheu werden«, sagt Hr. Lonien und kredenzt eine weitere Schnapsrunde.
Von nebenan kommen Sexgeräusche.
»Zweites Frühstück wäre auch nicht schlecht, oder?«, frage ich aufmunternd in die Runde.
»Bringt einen auf andere Gedanken«, sagt Fr. Hühnerfeld und macht sich mit glasigen Augen vor dem Spiegel eine Haubentaucherfrisur.
In meiner Hosentasche habe ich noch einen Schweinerollbraten.
»Kann ich zwar nicht mitessen, bin ja Vegetarier«, sage ich entschuldigend, »aber wenn ihr bitte zugreifen wollt .. Haut rein!«
»Lecker Rollbraten«, sagt Hr. Lonien, »nur leider hab ich kein Messer dabei.«
»Macht nix«, sagt Fr. Hühnerfeld, die sich wieder gefasst hat und einen Säbelzahntiger aus ihrer Bauchtasche zieht.
»Der schneidet praktisch alles und ist auch sonst sehr pflegeleicht.«
Hr. Lonien und ich nicken beifällig.
»Mensch, Hühnerfeld!«, bemerke ich anerkennend, »sie sind ja ein Beuteltier!«
»Tja, das hättet ihr mir nicht zugetraut, was!?«, lacht Fr. Hühnerfeld wieder obenauf und teilt den Braten in zwei gerechte Stücke.
Für mich gibt es Gürkchen und Brot.
Im Wald nebenan röhrt ein Hirsch.
Könnte auch der Doktor sein.
– von Uwe Reinhard